Die Weltbühne, Berlin, Nr. 48/1980

Dawids Tagebuch

von Konrad Weiß

'Wenn sie meinen Vater treffen, sagen sie ihm, daß ich am Versöhnungstag gestorben bin.' Am Versöhnungstag sterben die Gerechten..." Worte eines jüdischen Jungen, in Auschwitz gesprochen auf dem Weg in die Gaskammer, mitgeteilt und gedeutet vom Zeugen Aharon Beilin beim Jerusalemer Eichmann-Prozeß, und erklärt: "In Birkenau gab es einen Geobbels-Kalender. Das bedeutete, daß an jedem Samstag und an jedem jüdischen Fest der Krankenbau und die Blöcke, in denen 'Muselmanen' waren, geleert wurden."

Für die letzten Stunden des jüdischen Kindes Dawid Rubinowicz gibt es keinen Zeugen. Auch Dawids letzter Weg begann am Versöhnungstag, am 21. September 1942 auf dem Bahnhof von Suchedniów in Polen, und endete, so muß vermutet werden, nach der Ankunft des "Sonderzuges für Umsiedler" Pkr 9228 am Vormittag des nächsten Tages in Treblinka. Die sorgfältig ausgearbeiteten Fahrpläne sind erhalten geblieben, Dokumente einer teuflischen Gründlichkeit.

Im Herbst 1979 folgte ich mit dem Schriftsteller Walther Petri der Fahrtstrecke jenes Todestransportes, um einen Dokumentarfilm über Dawid vorzubereiten. In Siedlce, der letzten großen Station vor Treblinka, trafen wir einen Eisenbahner, der damals auf dem Bahnhof gearbeitet hat: "Wir haben versucht, den Menschen in den Waggons zu sagen, was sie erwartet. Wir wußten doch, was die immer leer zurückkommenden Züge zu bedeuten hatten. Niemand hat uns geglaubt." - Wie sollten sie das Ungeheuerliche glauben, das doch auch wir, die es wissen, nicht fassen können!

Später hielten in Siedlce Reisezüge aus Frankreich und Griechenland. Die darin saßen, waren voller Hoffnung auf Rettung, Juden mit gültigen Ausreisepapieren, nur von wenigen SS-Leuten bewacht. Auch sie glaubten den beim Wasserholen, beim Prüfen der Bremsen hastig zugeflüsterten Warnungen der polnischen Eisenbahner nicht. Bis zuletzt, bis zur Todesrampe von Treblinka, die als Umsteigebahnhof getarnt war, täuschten die Faschisten ihre Opfer. Samuel Rajzman, Zeuge der Anklage beim Nürnberger Prozeß, sagt darüber aus: "Das Gebäude, in dem die Kleidung abgelegt wurde, trug Aufschriften: Gaststätte, Fahrkartenschalter, Telegraf, Telefon und so weiter. Es gab sogar Fahrpläne mit Zügen von und nach Grodno, Suwałki, Wien und Berlin."

Was Dawid in Treblinka erwartete, wissen wir vom SS-Obersturmführer Kurt Gerstein, dessen Aussage vor dem Nürnberger Tribunal Rolf Hochhuth im Stellvertreter wiedergegeben hat, und aus dem Bericht des Kattowitzer Kaufmanns Oskar Berger, dem im September 1942 die Flucht aus Treblinka gelang. Berger war aus dem Ghetto von Kielce gekommen und ist die gleiche Strecke gefahren wie Dawid: "Die Fahrt war grauenhaft. Dichtgedrängt kauerten wir in den Waggons, Kinder weinten, Frauen wurden irrsinnig... An der Endstelle wurden wir aus den Waggons getrieben, SS-Leute stiegen auf die Dächer und schossen wahllos in die Menge. Männer, Frauen und Kinder wälzten sich in ihrem Blut, wildes Schreien und Weinen erfüllte die Luft."

Treblinka heute ist ein friedvoller Ort, ein würdiges Mahnmal aus abertausend Steinen, das an einen jüdischen Friedhof erinnert. Die Steine tragen die Namen der Orte, aus denen die Gemordeten kamen. Unvorstellbar bleibt das Grauenvolle, das hier geschah, der Mord an 700000, unter ihnen Janusz Korczak mit den Kindern, unter ihnen Dawid Rubinowicz.


Gedenkstätte Treblinka © Konrad Weiss 1980     Treblinka © Konrad Weiss 1979
Die Gedenkstätte in Treblinka um 1980

Wir, die geboren wurden, als deutsche Väter hier Kinder erschossen, erwürgten, erschlugen, vergasten; die geboren wurden, als deutsche Männer hier eine gebärende Frau umstanden, um dann das Geborene vor den Augen der Mutter zu töten; die geboren wurden, als einer Zehnjährigen das Schwesterchen aus den Armen gerissen und lebend in den Ofen geworfen wurde, wir können an diesem Ort nur schweigen.

Und müssen bemüht sein, das Zeugnis derer, die ihr Erleben nicht überlebt haben, zu bewahren und als Mahnung: Nie wieder! an unsere Kinder weiterzugeben.

Eines der kostbarsten Dokumente aus jener Zeit, auch Kindern schon verständlich, ist das Tagebuch des Dawid Rubinowicz. Dawid, am 27. Juli 1927 geboren, wuchs zusammen mit den jüngeren Geschwistern Małka und Herszl in Krajno auf, einem Dorf in Zentralpolen nahe bei Kielce. Sieben jüdische Familien wohnten hier vor dem Krieg. Dawids Vater betrieb eine kleine Molkerei. Wo Dawids Vaterhaus stand, ist heute freies Feld, nur den Brunnen, der zum Gehöft gehörte, gibt es noch. 1933 wurde Dawid eingeschult. Er war ein guter Schüler, die Zeugnisbücher aus jenen Jahren sind erhalten geblieben. Auch die alte Lehrerin Florentyna Krogulcowa, die wir in Kielce aufsuchten und die dann im März 1980 vor unserer Kamera aussagte, erinnerte sich genau an Dawid: "Er war ein Junge mit regelmäßigen Zügen, blauen Augen, sehr angenehm im Umgang. Er war sauber und gehorsam, so wie sich alle jüdischen Kinder bemühten, artig zu sein."

In Sw. Katarzyna, der Nachbargemeinde von Krajno, fanden wir den Bauern Tadeusz Janicki, der zwei Jahre lang mit Dawid auf einer Schulbank gesessen hat und mit ihm befreundet war. Er zeigte uns, was sie als Kinder gespielt haben, und erzählte, daß Dawid manchmal, unter einer Bank versteckt, beim Religionsunterricht in der Klasse geblieben ist. Erinnerte sich, wie es im Haus der Rubinowicz' ausgesehen hat, daß in der Stube ein Bild vom Jankiel-Konzert hing, und wie stolz Dawid auf diesen Jankiel war, den jüdischen Spielmann im "Pan Tadeusz", der den Patriotismus der polnischen Juden verkörpert.

Tadeusz Janicki führte uns auch an einem kalten Märztag auf den Berg Łysica, wo bei einem Schulausflug im Mai 1937 das einzige erhaltene Foto mit Dawid Rubinowicz entstanden ist. Anhand dieses Klassenfotos fanden wir noch andere Mitschüler Dawids, die sich aber kaum noch an den stillen, unauffälligen Jungen erinnerten.

Nach dem Überfall auf Polen und der Proklamation des "Generalgouvernements" gehörte die "Neuordnung" des Schulwesens zu den ersten Maßnahmen der deutschen Okkupanten. Überall dort, wo mindestens zehn deutsche Kinder im Ort wohnten, wurde eine deutsche Schule eingerichtet. Bereits im November 1940 gab es im "Generalgouvernement" 195 deutsche Schulen mit elftausend Schülern. Aus dem Unterrichtsplan der polnischen Volksschulen wurden "mangels geeigneter Lehrbücher" die Fächer Geschichte, Erdkunde und Deutsch herausgenommen; polnische Hochschulen, Gymnasien und Lyzeen wurden geschlossen; wer älter als vierzehn war, durfte keine Schule mehr besuchen. Jüdische Kinder wurden von allen Schulen verwiesen.

Dawids Lehrerin erhielt die Anordnung des deutschen Schulamtes im November 1939: "Schon vorher hatten manche jüdischen Kinder die Schule verlassen, aber Dawid kam weiterhin hartnäckig zum Unterricht. Als ich dann den Behördenbrief erhielt, habe ich Angst bekommen, denn auch ich hatte Kinder. So nahm ich das Schreiben und las es laut in der Klasse vor. Dawid Rubinowicz packte schnell seine Mappe und lief hinaus. Auch ein polnischer Junge, der älter als vierzehn war, sammelte seine Bücher zusammen und ging hinaus. Mir taten die Jungen ungeheuer leid, und ich ging zu ihnen auf den Hof. Da standen sie nebeneinander und weinten so, daß ich ebenfalls zu weinen begann. Und ich überlegte, wie ich den Jungen helfen kann."

Frau Krogulcowa traf sich häufig mit Dawids Mutter, gab ihr Aufgaben mit und korrigierte die Hefte des Jungen. Nachdem später der Unterricht für die fünften bis achten Klassen verboten wurde, unterrichtete sie heimlich mit dem Pfarrer und anderen tapferen Lehrern die Kinder von Krajno, so daß fünfzehn von ihnen gleich nach der Befreiung in Kielce das Gymnasium besuchen konnten.


Dorfstraße in Krajno © Konrad Weiss 1980     Landschaft bei Krajno © Konrad Weiss 1979
Dorfstraße und Landschaft in Krajno 1980

Dawid ist zwölf Jahre alt, als er am 21. März 1940, vier Monate nachdem er die Schule verlassen mußte, sein Tagebuch beginnt. Sorgfältig und, wie Iwaszkiewicz es sagt, in der schönen Sprache der polnischen Provinz trägt der Junge fortan in fünf Schulhefte ein, was ihm begegnet und was ihn bewegt. Im ersten Jahr noch knapp und in großen Abständen, dann immer häufiger und ausführlicher beschreibt der empfindsame Junge die Maßnahmen der Deutschen und enthüllt mit erschreckender Genauigkeit den Mechanismus faschistischer Willkür und Gewalt. Jedes Plakat und jede Verordnung, die Dawid im Tagebuch erwähnt, haben wir in polnischen Archiven gefunden.

Und immer schildert der Junge auch mit schlichten Worten seine Gefühle: die Freude über einen Frühlingstag; die Scham, die er vor einem Schmähplakat empfindet, die Angst, die ihn immer häufiger und immer tiefer ergreift. Sieht und beschreibt, was um ihn herum und mit ihm geschieht, ohne es zu begreifen. Beugt sich beharrlich über sein Heft, Tag für Tag auch noch im größten Chaos, wehrt sich mit jeder Eintragung gegen das Ungeheure und widersteht dem Faschismus durch Menschlichkeit und Würde. Jedes Wort dieses Kindes ist zur Anklage geworden.

Im März 1942 muß die Familie Rubinowicz Krajno verlassen. Dawids Klassenkamerad Tadeusz, der damals schon Melder bei den Partisanen war, will den Freund bei sich verstecken, "...damit er vielleicht unversehrt bleibt. Er sagte nein, er liebt seine Schwester Małka und seine Eltern, und daß er mit ihnen geht, und was ihnen begegnet, ist unvermeidbar."

In Bodzentyn, wo vor dem Krieg etwa tausend Juden lebten, werden nun die Juden aus der ganzen Umgebung zusammengepfercht und wohnen unter unsäglichen Bedingungen. Hunderte sterben an Hunger und Seuchen. Täglich werden Menschen erschossen. Werden in Zwangsarbeitslager verschleppt wie Dawids Vater, der im Mai 1942 in die berüchtigte HASAG-Munitionsfabrik nach Skarżysko kommt. Aber er wird noch einmal entlassen, weil er sich verletzt hat. "Ein Tag der Freude", so beginnt Dawids Eintragung über die Heimkehr des Vaters, und endet mit einem angefangenen Satz: am 1. Juni 1942 bricht das Tagebuch ab.

Mitte September werden die Juden auf den Marktplatz von Bodzentyn getrieben und müssen dort die ganze Nacht bewegungslos sitzen. Am nächsten Tag bricht der lange Zug der Todgeweihten nach Suchedniów auf. Dort werden sie in Viehwagen, die nach Treblinka fahren, verladen. Sein Tagebuch hat Dawid in Bodzentyn gelassen.

Im August 1957 findet Helena Wołczyk neben einem Kehrichthaufen die ersten beiden Hefte des Tagebuchs. Frau Wołczyk weiß, daß ihr Mann, der Redakteur der kleinen Rundfunkstation von Bodzentyn ist, sich für alles Geschriebene interessiert, und hebt die Schulhefte auf. Erregt lesen die Wołczyks, was Dawid geschrieben hat. Bei einem Nachbarn finden sie in einem Sack mit alten Papieren die anderen Hefte.

Am 1. Oktober 1957 beginnen Helena und Artemiusz Wołczyk das Tagebuch im Ortsrundfunk zu verlesen. Im Herbst 1959 schicken sie es der Warschauer Publizistin Maria Jarochowska, die an einem Filmszenarium über Bodzentyn arbeitet. Und schon im Januar 1960 veröffentlicht die Zeitschrift Twórczość Dawids Aufzeichnungen. Das Tagebuch erregt sofort in ganz Polen großes Aufsehen. Jarosław Iwaszkiewicz nimmt es zum Anlaß für eine Appell an seine Landsleute, alle Aufzeichnungen und Tagebücher aus der Zeit der Okkupation der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ausschnitte daraus werden zum Vorwort der Buchausgabe, die noch im gleichen Frühjahr beim Verlag Książka i Wiedza in Warschau erscheint, von Maria Jarochowska herausgegeben und von Adam Rutkowski mit historischen Anmerkungen versehen. Der gleiche Verlag besorgt ein Jahr später gemeinsam mit Volk und Welt, Berlin, die deutsche Ausgabe. Seither ist das Tagebuch des Dawid Rubinowicz in zahlreiche Sprachen übersetzt worden.

Text und Fotografien © Konrad Weiß 1979-2018


Cover Dawid Kinderbuchverlag       Cover Dawid Ausgabe 1988       Cover Dawid Ausgabe 2006