Wir sind das Volk

Auszug aus einem Impulsreferat beim Symposium

Die Werte der Friedlichen Revolution von 1989 als Handlungsanleitung für heute

am 10. Oktober 2015 in Leipzig

von Konrad Weiß


Es war der Ruf des Herbstes 1989 Wir sind das Volk, der mir die Hoffnung und die Gewißheit gegeben hat, daß sich in der DDR etwas ändern kann, daß sich die DDR ändern kann. Es waren am Anfang so wenige: ein paar Dutzend in den Friedens- und Menschenrechtsgruppen, ein paar hundert bei den Friedensgebeten. Doch aus unseren leisen Stimmen, aus unseren leisen Bitten um Frieden und Freiheit, um Bürger- und Menschenrechte wurde dieser machtvolle Ruf von Hunderttausenden: Wir sind das Volk.

Es war eine Zeit des unablässigen Lernens. Aus bruchstückhaften Konzepten und - wie konnte es anders sein - idealen und idealistischen Vorstellungen mußte alsbald konkretes politisches Handeln werden. Politisches Handeln zudem, das sich an der geprägten und bewährten Demokratie der alten Bundesrepublik zu messen hatte. Dieser Ruf Wir sind das Volk wurde für viele in unserem kleinen Land zu einer gewaltigen Herausforderung. Wir mußten mündig werden, nein: mündig sein, unser Geschick und das Geschick des Landes selbst in die Hand nehmen, vom Untertan zum Souverän werden.

Ich denke, wir haben das, alle gemeinsam, gut gemeistert. Wir haben aus dem Unrechtsstaat DDR den Rechtsstaat DDR gemacht, den wir in die deutsche Einheit eingebracht haben. Wir haben aus einem totalitären Land ein freies Land gemacht, in dem der Grundsatz der Gewaltenteilung herrscht. Wir haben aus einem unterdrückten Land ein Land gemacht, in dem die Bürger- und Menschrechte respektiert werden und einklagbar sind. Wir haben, wenn auch unter Opfern, aus dem verlotterten und heruntergekommenen SED-Staat ein demokratisches Gemeinwesen gemacht, in dem es sich gut leben läßt, jedenfalls für die meisten Menschen. Wir haben aus einer eingemauerten und isolierten Gesellschaft eine offene Gesellschaft gemacht, die gerade dabei ist, sich immer mehr zu öffnen.

Aber natürlich gibt es auch Defizite. Auch im persönlichen Leben haben sich vermutlich nicht alle Träume erfüllt, und manches hat wohl eine andere Wendung genommen, als wir dachten. Das war und ist auch im Großen nicht anders. Unsere selbstbewußte Forderung Wir sind das Volk erweist sich im Demokratie-Alltag als durchaus sperrig, oft nur schwer umzusetzen und manchmal schier unmöglich. Und wir hatten wohl auch zu wenig berücksichtigt, daß Demokratie ja erst erlernt und eingeübt werden muß. Und daß sie, einmal erreicht, nicht für alle Zeit währt. Sondern täglich neu erworben und verteidigt werden muß. Demokratie macht Mühe.


Ausstellung auf dem Alexanderplatz in Berlin zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution © Konrad Weiß
Ausstellung auf dem Alexanderplatz in Berlin zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution

Daß die zentrale Losung unserer Friedlichen Revolution Wir sind das Volk einmal mißbraucht werden könnte, habe ich mir im Herbst 1989 nicht vorstellen können. Es kommt mir vor wie eine ausgeklügelte und besonders gemeine Zersetzungsmaßnahme des früheren Staatssicherheitsdienstes der DDR, wenn nun ausgerechnet die erklärten Feinde der Demokratie - NPD und Pegida - sich auf ihren "Montagsdemonstrationen" dieser Losung bedienen - als Kampfruf gegen den Rechtsstaat, gegen die Demokratie, gegen die Menschenwürde. Perverser geht es nicht.

Es mag ja nur komisch gewirkt haben, als diese "Verteidiger des Abendlandes" im vorigen Dezember ein schlichtes christliches Weihnachtslied vom Blatt ablesen mußten und es dann wie ein Marschlied geschmettert haben. Aber das Wort Wir sind das Volk im Munde dieser Menschenhasser ist ein Frevel. Im gleichen Atemzug beschimpfen sie die freie Presse, die vierte Gewalt, eine Säule unserer Demokratie als "Lügenpresse". Wie viel Anstrengung hat es doch gekostet, bis hier in Ostdeutschland die Presse- und Medienfreiheit hergestellt war! Und nun bedienen sich diese Leute eines Kampfbegriffes, der zum originären Wortschatz der Linguae Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches gehörte. Sind diese Pegida-Banausen wirklich so dumm, daß sie nicht wissen, was sie tun? Oder stellen sie sich damit bewußt und demonstrativ in die Tradition von Hitler und Goebbels?

Und wie kann man vorgeben, abendländische Werte schützen zu wollen, wenn man gleichzeitig alles, was dem christlichen Abendland heilig ist, mit Füßen tritt! Der Schutz der Witwen und Waisen, der Fremdlinge und der Heimatlosen gehörte und gehört doch zu den vornehmsten abendländischen Tugenden. Wer Flüchtlinge aufnimmt und willkommen heißt, lebt diese Werte, nicht aber diese engstirnigen nationalistischen Egoisten von Pegida, AfD und NPD.

Es kann keine Entschuldigung und kein Verständnis dafür geben, wenn der braune Nationalismus, der uns und unseren Nachbarn nichts als schreckliches Unheil und Leid gebracht hat, nun neuerlich als rettende Heilslehre verkündet wird. Keine noch so hohe Arbeitslosigkeit, kein wirtschaftliches oder soziales Problem, auch nicht die Enttäuschung über die politische Entwicklung rechtfertigen Gewalt gegen Ausländer, Antisemitismus und Rassenhaß.

Zu einer lebendigen Demokratie gehört, daß sie sich entschlossen gegen ihre Feinde wehrt, mit allen Mitteln des Rechtsstaats. Es war doch das Verhängnis der Weimarer Republik, daß die Demokraten uneins waren in der Verteidigung der Demokratie und damit den Nationalsozialisten den Weg an die Macht erst ermöglicht haben. Die erste totalitäre Diktatur in Deutschland war das Ergebnis freier Wahlen in einer schwachen Demokratie. Darauf setzen heute wieder die nationalistischen Parteien und Gruppierungen.

Manche meinen, sich politisch mit Pegida, AfD oder NPD auseinandersetzen zu sollen. Das ist eine tödliche Illusion. Mit Politikern, die unsere Demokratie zerstören wollen, kann und darf man nicht diskutieren. Die Gruppierungen mitsamt ihren Funktionären und Parlamentariern müssen politisch geächtet und verachtet werden, etwas anderes verdienen sie nicht. Gesprächsbereitschaft verdienen allenfalls die verwirrten Wähler, die den skrupellosen Demagogen auf den Leim gegangen sind.

Text unfd Foto © Konrad Weiß 2015-2018