Publik-Forum, Nr. 21 vom 7. November 2003

Zutiefst beunruhigende Töne

Der Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen

von Konrad Weiß


Das Zentrum gegen Vertreibungen, das vor drei Jahren durch den Bund der Vertriebenen als Stiftung errichtet wurde, droht noch vor seiner Realisierung zu einer ernsthaften Gefährdung für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen zu werden. Und das zu einem Zeitpunkt, da durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union ein ganz neues Kapitel im Verhältnis der beiden Völker beginnen könnte. Doch nicht die Chancen, die aus der neuen Gemeinsamkeit erwachsen, bestimmen gegenwärtig die Debatte in den beiden Ländern, sondern jenes unglückselige Projekt eines Vertriebenen-Zentrums in Berlin.

Mit dem Zentrum, so die Absicht der Stifter, solle eine Dokumentations- und Begegnungsstätte errichtet werden, die ausgehend vom national erfahrbaren Schicksal der deutschen Vertriebenen den Blick auch auf das Vertreibungsschicksal anderer Völker lenkt. Man wolle einen Überblick über die Integration von 15 Millionen Vertriebenen in Deutschland geben, erklärte die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, und Geschichte und Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen aufarbeiten. Der Vertreibung anderer Völker solle Raum gegeben werden. Persönlichkeiten aus den Nachbarländern seien zwar als Ratgeber willkommen. Aber, so Frau Steinbach in einem Brief an Adam Michnik, der zusammen mit Adam Krzeminski Breslau als geeigneten Ort für ein solches Zentrum vorgeschlagen hatte, Deutschland dürfe sich nicht eines dramatischen Teils seiner Geschichte "durch Abschiebung nach Polen entledigen".

Es sind vor allem solche Töne, die die Polen zutiefst beunruhigen. Nicht zufällig steht die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen im Mittelpunkt der polnischen Kritik. Es ist tatsächlich wenig glaubhaft, wenn ausgerechnet Frau Steinbach vorgibt, sich für Belange von Vertriebenen, die nicht deutscher Herkunft sind, einsetzen zu wollen. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie fanatisch sie Anfang der neunziger Jahre während der Asylrechtsdebatte für die Vertreibung von Flüchtlingen und Vertriebenen eingetreten ist. Diese "Menschenströme in unser Land" müßten gebremst werden; durch diese Ausländer werde der Landfrieden zerrüttet. "Die Lunte brennt schon!", rief Frau Steinbach damals theatralisch im Bundestag, "Die Lunte brennt!"


Denkmal für Bischof Kominek in Wrocław © Konrad Weiß

Und ausgerechnet sie will nun "die Vertreibung anderer Völker im Europa des 20. Jahrhunderts erfahrbar machen"? In Polen hat man sehr aufmerksam ihre mehrdeutigen und sich häufig widersprechenden Aussagen registriert. So fragt man sich, warum das Vertriebenenzentrum unbedingt in Berlin und in unmittelbarer Nachbarschaft des Holocaust-Denkmals errichtet werden soll. Und wie es sein kann, daß es zwar europäisch ausgerichtet sein soll, Frau Steinbach aber zugleich die Nachbarn auffordert, sich zurückzuhalten, "wenn man in Deutschland der deutschen Opfer gedenken will".

Selbst engagierte Vordenker der deutsch-polnischen Aussöhnung gehen angesichts dessen auf Distanz. Im "Tygodnik Powszechny", einer Zeitung, die sich seit den frühen sechziger Jahren stetig für Versöhnung eingesetzt hat, nannte der Publizist Wojciech Pięciak das Steinbach'sche Projekt ein "Zentrum der Zwietracht". Und Władysław Bartoszewski, der frühere polnische Außenminister, warnte nachdrücklich vor jeder Form des "selektiven Erinnerns".

Diese jüngste Entwicklung ist auch deshalb so bitter, weil es in den vergangenen Jahrzehnten auch und gerade Flüchtlinge und Vertriebene waren, die sich für die Aussöhnung mit den Nachbarn eingesetzt haben. Sie sind nach dem Krieg die ersten Schritte gegangen, haben nicht gefordert, sondern Vergebung erbeten. Sie haben nicht nur den eigenen Heimatverlust beklagt, sondern auch das Leid der anderen gesehen und respektiert. Daraus sind Versöhnung und Verständigung erwachsen.

Das Zentrum gegen Vertreibungen hingegen, so wie es die Vertriebenen-Funktionäre wollen, hat bisher nur Mißtrauen geschürt und Zwietracht gesät. Es stört und behindert den europäischen Integrationsprozeß massiv. Es wäre unverantwortlich, das Projekt weiterhin politisch zu fördern - jedenfalls so lange es beim Bund der Vertriebenen angesiedelt ist. Wer ein solches Zentrum wirklich will, muß für ein europäisches, und nur für ein europäisches Konzept offen sein, und sich die Haltung der deutschen und polnischen katholischen Bischöfe zu eigen machen, die 1965 am Beginn der Aussöhnung stand: Wir vergeben und bitten um Vergebung. Dieser einfache menschliche Satz hat nichts von seiner Gültigkeit verloren.

Text und Foto © Konrad Weiß 2003-2018