Das Anti-Schröder-Blair-Papier
von Konrad Weiß
1999
scheint das Jahr der wohlfeilen Thesenpapiere zu werden. Nachdem im Frühjahr
Gerhard Schröder und Tony Blair ein überaus denkwürdiges
Traktat über die moderne Sozialdemokratie unter die Leute gebracht
hatten, nutzte nun der Anführer der modernen Sozialisten das Sommerloch
zu einer Replik. Gerechtigkeit ist modern, so ist das Anti-Schröder-Blair-Papier
überschrieben, das von der Bundesstiftung Rosa Luxemburg herausgegeben
und also von unser aller Steuern bezahlt worden ist.
Es
hieß, Gregor Gysi wäre der Autor. Doch die Thesen lesen sich
wie die Seminararbeit eines fleißigen, aber gänzlich unbegabten
Politologen - einundzwanzig langweilige Seiten ohne Esprit. Es gibt nichts,
was nicht irgendwo bei Marx, Lenin oder den Grünen schon mal zu lesen
gewesen wäre. Und wo es an Inhalt mangelt, müssen Phrasen das
Papier sättigen. Bei Blair und Schröder war es das Beiwort modern,
das strapaziert wurde. Gysi und seine heimlichen Helfer zitieren unentwegt
den Fordismus, ein aufgeblasenes Codewort der Soziologen, das einige
angenehme Seiten des Kapitalismus verdeckt vermittelt. Ein anderes Lieblingswort
der oder des Autoren sind die neuen Entwicklungspfade, auf die sich
die PDS begäbe. Wirkliche Modernisierung, so lehrt Guru Gysi, ist
die Suche nach einem neuen Entwicklungspfad.
Für vieles, was Kleingläubigen, wie ich einer bin, schier unlösbar
erscheint, finden sich in den zwölf Thesen der PDS verblüffende
Rezepte. So verkündet Gysi, die Krise der Erwerbsarbeit sei lösbar,
und nennt dafür drei Wege: Erstens liege die Zukunft der Arbeit im
ökologischen Umbau der Produktion. Zweitens verlange sie die entschiedene
Ausweitung von sozialen, humanorientierten Dienstleistungen. Und drittens...
Den dritten Weg verrät Gysi nicht. Entweder hat der Autor geschludert,
oder er war mit seinem Latein am Ende. Oder ist das Internet der dritte
Weg? Etwas später nämlich heißt es:
Ähnlich
kryptisch gibt sich das Papier an vielen Stellen. Einiges erfährt
man dennoch. So, daß der demokratische Sozialismus auf einen neuen
Gesellschaftsvertrag setze. Grundelemente dessen seien eine Politik, die
neue Chancen solidarisch in Chancen aller verwandelt; der Übergang
zu einer Entwicklungsweise, die eine gerechte Teilhabe aller sichert; Vollbeschäftigung
durch den Aufbau neuer Felder für eine nachhaltige, ökologische,
soziale, freiwillige, schöpferische usw. usw. Und natürlich die
Sanierung der öffentlichen Finanzen. Dann beklagt Gysi noch die "hochgradig
vermachteten Weltmärkte", findet aber nicht ein Wort dazu,
wie die PDS ihren neuen Gesellschaftsvertrag umsetzen will.
Zuweilen übt Gysi sich gar in Prophetie. Die Kämpfe der Zukunft, so orakelt
er, werden in starkem Maße Kämpfe um eine neue Lebensweise sein.
Es gehe um einen neuen Entwicklungsweg, der den sozial gebändigten
Kapitalismus der Nachkriegszeit ablöst. Schließlich seien der
eigene Körper, Essen und Trinken, kommunale Angelegenheiten und manches
mehr "keine zu verwirtschaftenden Zwänge, keine zu minimierenden
Aufwendungen, von denen man sich durch Dienstboten und Dienstleister befreien
muß". Vielmehr bedeute sozialistische Politik, die Entwicklungspotentiale
des Wettbewerbs in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung, Medien und
Kultur von der Dominanz der Kapitalverwertung zu befreien. - Wurden wir
so nicht schon einmal von Geld und Eigentum befreit, damals, als die PDS
noch die SED war? Nein, keine Sorge, beschwichtigt Gysi, es gehe nicht
um den Rückfall in eine Vor- oder Anti-Moderne, sondern bloß
um die Umgestaltung der Moderne - die Verbindung von Moderne und Sozialismus
nämlich. Und um die Neuverteilung der Lebenschancen. Das alles soll
natürlich der Staat regulieren und, so wörtlich, re-regulieren
- auf daß Gerechtigkeit werde.
Gerechtigkeit ist überhaupt en vogue in Gysis Thesenpapier. Freiheit, Recht und
Demokratie sind es weniger. Was die Westdeutschen sich aufgebaut und die
Ostdeutschen sich erkämpft haben, das ist für die Partei der
Sozialisten ein ungerechtes System, das umgebaut werden muß. Dazu,
so heißt es wörtlich, bedarf es der politischen Steuerung, der
bewußten Gesellschaftsgestaltung und der Entwicklung von Gegenmächten,
die dies durchsetzen können... Im Klartext also: Kommandowirtschaft
und Kommandopolitik, wie in der DDR gehabt, nun unter Führung der
PDS.
Nein, diese Thesen sind nicht harmlos. Der knallharte Anspruch der Sozialisten
auf Macht ist geschickt im populistischen Geschwätz versteckt. In
Wahrheit ist das Anti-Schröder-Blair-Papier kein Angriff gegen die
Sozialdemokraten, sondern gegen uns alle. Es ist ein Anschlag auf unsere
Demokratie.
© Konrad Weiß 1999-2010