Deutschlandfunk, Die Sonntagskolumne, 31. Januar 1999

Ein Stein aus Berlin

von Konrad Weiß


Viele der Wunden, die Deutsche anderen zugefügt haben, sind längst nicht geheilt. Darüber können auch die Gedenkfeiern am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung und die vielen versöhnlichen Begegnungen mit den Befreiten nicht hinwegtäuschen. Für viele Menschen, die Krieg und Nationalsozialismus erlebt und überlebt haben, ist das Vergangene noch immer lebendig, die Erniedrigung, die Verfolgung, das Grauen der Vernichtungslager. Es gibt Schmerzen, die nie enden, auch wenn sie zeitweilig vom Alltag überdeckt sein mögen. Manchmal genügt ein scheinbar geringer Anlaß, eine Nachricht, ein schlimmes Bild aus Deutschland, um die Flut der bösen Erinnerungen auszulösen. Auch nach fünfzig Jahren noch kann ein Wort Deutsch wie ein Peitschenhieb sein.

Vor einigen Jahren habe ich in Warschau Erwin Baum getroffen, einen polnischen Juden, der heute in Amerika lebt. Erwin Baum war als halbes Kind in Auschwitz, fast bis zuletzt. Nach Auschwitz ist er im November 1942 gekommen. Die Mutter und eine Schwester wurden sofort vergast. Er hat sich bei der Selektion in die Reihe der jungen, kräftigen Männer geschlichen und hat dann in dem Kommando gearbeitet, das die ankommenden Züge auszuräumen hatte - eine grauenvolle Arbeit. In den Koffern, die zurückblieben, fand sich manchmal etwas zu essen. Nur so hat er, der Häftling Nummer 79631, überlebt. Aber noch heute träumt er Nacht für Nacht von Auschwitz, weint und schreit und wacht schweißgebadet auf. Vierzig Jahre hat es gedauert, ehe er überhaupt fähig war, über das Erlebte zu reden. "Alles war tot in mir", sagt er, "und alle haben geschwiegen." Auch mit seiner Frau, seinen Kindern konnte er nicht darüber sprechen. Er lernte es erst, als er andere Überlebende traf. Seither weiß er sich in der Pflicht, Zeuge zu sein für die Generation, die nun heranwächst und für die Auschwitz nur noch ein historischer Ort ist.

Aber eines Tages wird auch Erwin Baum, einer der jüngsten Überlebenden von Auschwitz, nicht mehr sein. Ich muß oft an ihn denken, wenn ich die quälende Debatte über das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden verfolge. Oder die forschen Schriftstellersätze über das Wegschauen höre. Über das Wegschauen, das doch in Wahrheit Vergessen bedeutet.


Israelische Jugendgruppe beim Besuch in Auschwitz-Birkenau © Zoonar/Konrad Weiß
Israelische Jugendgruppe beim Besuch in Auschwitz-Birkenau

Vor einiger Zeit habe ich in Israel Ziep und Itzhak besucht, zwei Urberliner, die seit Ende der dreißiger Jahre in einem Kibbuz am Mittelmeer leben. Wo es heute blüht, war vor sechzig Jahren nichts als Sumpf und Morast. Der Palästinenser, dem die zionistischen Einwanderer das Sumpfland damals abkauften, hat die Leute ausgelacht. Jahrelang haben sie geschuftet, viele sind an Malaria gestorben. Itzhak, dem Gärtner, ist jeder Baum und jede Blume im Kibbuz vertraut, viele hat er selber gepflanzt.

Im besten Berlinerisch erzählen mir die beiden alten Leute von ihrem letzten Deutschlandbesuch. Nach Ostberlin haben sie sich erst nach der Wende getraut. Itzhaks Vater hatte ein Geschäft am Hackeschen Markt, sie haben das Haus auch gefunden, aber natürlich war nichts mehr wie es war. Nur in ihrer Erzählung wird das Berlin der dreißiger Jahre lebendig; aus jedem Wort spüre ich die Liebe für die Geburtsstadt, die dennoch nie mehr Heimat sein wird. Dann steht Itzhak auf und holt vom Fensterbrett einen Stein, einen Berliner Pflasterstein, wie ich erfahre. - Ich muß lange warten, bis Itzhak erzählt. Er habe sich nachts in seinem Berliner Hotel an die schlimmen Bilder erinnert, die das Fernsehen aus Deutschland gebracht hat: die brennende Synagoge in Lübeck, die Gewalttaten in Rostock und Solingen, die brutalen Neonazis und Randalierer. Er habe sich gesagt: Noch einmal läßt du dich nicht vertreiben, noch einmal wirst du nicht wehrlos sein. So habe er hin und her überlegt, und am nächsten Morgen am Hackeschen Markt einen Steineklopfer gefragt, ob er sich einen Pflasterstein nehmen dürfe. Der habe verwundert aufgeschaut: "Zweie könn'se sich nehmen, Mann, zweie, aber was wolln'se denn damit?"

Damals ist Itzhak die Antwort schuldig geblieben, aber nun sagt er es. Die ganze Zeit in Berlin habe er den Stein in einer Plastiktüte bei sich getragen: "Wenn mich einer angegriffen hätte, er hätte den Stein vor's Schienbein gekriegt. Nein, wehrlos werde ich nie wieder sein." Und leise setzt er hinzu: "Der Stein, der ist von der Straße, auf der mein Vater mit mir zur Synagoge gegangen ist..."

Das Geheimnis der Versöhnung, so steht es im Talmud, ist die Erinnerung. Es ist ein Trugschluß, daß es sich ohne die Besinnung auf das, was war, leichter leben läßt. Dazu gehört, daß unser Gedenken Konsequenzen hat. Es muß sich am Umgang mit den Überlebenden und an der Lebenswirklichkeit in unserem Land messen lassen. Das ist nun schon die Aufgabe einer nachgeborenen Generation, die ohne Schuld an der Shoah, aber nicht ohne Verantwortung ist.

Text und Foto © Konrad Weiß 1999-2018