Berliner Morgenpost, 12. April 1999

Wo die DDR beatmet wird

von Konrad Weiß

Sie sind, so schreiben sie, politische Gefangene, Opfer des Kalten Krieges, Kundschafter des Friedens, Revolutionäre gar. Sie haben, so glauben sie, der Sache des Friedens gedient. Vermutlich haben sie noch gar nicht bemerkt, daß es ihr Traumland, die DDR, nicht mehr gibt, und dienen ihm immer noch. Uns drohen sie: "Wir alle werden unseren Auftrag erfüllen".

So jedenfalls ist eine Online-Broschüre überschrieben, die seit Anfang des Jahres im Internet steht. Autoren sind DDR-Spione, denen ich nach der Lektüre ihrer Bekenntnisse das Attribut "ehemalig" nicht zubilligen mag. Sie haben sich 1995 in einem Verein "Kundschafter des Friedens fordern Recht" zusammengeschlossen, der mit allen einschlägigen Seilschaften vernetzt ist. Die Gründer haben sich, wie der Vorsitzende Dieter Popp kundtut, im Knast kennengelernt und bereits dort beschlossen, gemeinsam gegen das Unrecht zu kämpfen. Herr Popp, der jetzt Sprecher der PDS-Basisgruppe in Bonn ist, war zuvor als "Aufklärer der Nationalen Volksarmee in Bonn" stationiert. Er hat hochbrisantes Material aus der Hardthöhe an die Hardliner in Ostberlin verschachert. Manchmal sei es schneller auf DDR-Schreibtischen gelandet als beim Bundesminister, brüstet er sich. Und wundert sich, daß die DDR untergegangen ist, obwohl ihre "Kundschafter" doch die besten der Welt gewesen seien. Naja, DDR-Weltniveau...


Die Glienicker Brücke © Zoonar.com/Konrad Weiß
Auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin wurden zu Zeiten des Kalten Krieges mehrfach Agenten ausgetauscht.

Ein anderes ehrenwertes Vereinsmitglied ist Alfred Spuhler, von 1968 bis 1989 Mitarbeiter des BND und von 1972 bis 1988 Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes. Im Westen war er Hauptmann, im Osten Oberstleutnant, gleichzeitig wohlgemerkt. Im Zivilleben heißt so etwas Schizophrenie. Im Internet beglückt uns der Doppeloffizier a.D. mit einem merkwürdigen Traktat über "Allgemeine Gedanken zum Problem menschlicher Verhaltensweise". Auch der Spion Dieter W. Feuerstein, der im Oktober 1994 aus der "Gefangenschaft" entlassen wurde, scheint unbelehrbar zu sein. Bei seiner Geburt habe Walter Ulbricht Pate gestanden, seither führe er mit Stolz das W. in seinem Namen. Feuerstein war in einem Münchner Rüstungsbetrieb verantwortlich für den Geheimschutz bei der Entwicklung von Tornado und Eurofighter - fürwahr, der Bock als Gärtner. Im Herbst 1989 "kündigte" er beim Staatssicherheitsdienst und bat um Arbeitsvermittlung zum KGB. Das verweigerten ihm die Genossen. Ist er jetzt Privatier?

Man könnte die Spionage-Broschüre als die Selbstrechtfertigung harmloser Kalter-Kriegs-Veteranen abtun, wenn da nicht zwei Dinge wären: Zum einen der beunruhigende Satz "Wir alle werden unseren Auftrag erfüllen". Das heißt doch im Klartext, für diese Leute geht der Kampf gegen unser demokratisches Gemeinwesen weiter.

Auch wenn es den totalitären Staat, dessen Dienstboten sie waren, nicht mehr gibt, seine Ideologie wird von ihnen und vielen anderen beatmet und wiederbelebt. Manchmal verrät ein halber Satz, was wirklich Sache ist und daß es gefährlich sein kann, Leute wie sie nicht ernst zu nehmen. "1996", schreibt der Vorsitzende Popp, "konnten wir einen Dokumentarfilm bei der BBC plazieren, der weltweit gesendet wurde." Dieser gelungene Propaganda-Coup gab der Legende von der "Siegerjustiz" neue Nahrung und löste gutgemeinte, aber ahnungslose internationale Proteste aus.

Vor allem beunruhigend aber ist die enge Vernetzung des Vereins mit diversen Nachfolge-Organisationen, von denen immer Drähte zur PDS hin führen. So gibt es Verknüpfungen zur "Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung"(GRH), zur "Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrechten und Menschenwürde" (GBM) und zum "Solidaritätskomitee für die Opfer politischer Verfolgung". Dessen Sprecher Klaus Feske war maßgeblich an Kampagnen für die Spione beteiligt. GBM und GRH wiederum sind Mitglied der Koordinierungsgruppe Politische Strafverfolgung, einem Dachverband, dem auch der Stasi-Taditionsverein ISOR und die PDS angehören.

Führungskader der PDS, wie Modrow und Gysi, pflegen offen den Kontakt zu den Spionen. Rainer Rupp haben sie im Knast in Saarbrücken aufgesucht. Allerdings gibt es auch "Kämpfer von der unsichtbaren Front", die jetzt mit der PDS hadern, Gabriele Gast zum Beispiel, eine Doppelagentin. Die rächte sich, indem sie rührselige Märchen vom zahnlosen M. Wolf in die Welt setzte. Frau Gast übrigens ist die First Lady des Spionen-Clubs...

Text und Foto © Konrad Weiß 1999-2018