Deutschlandradio Berlin, Politisches Feuilleton, 22.07.1999

Der Riß, der die Ostdeutschen trennt

Die meisten Ostdeutschen wählen demokratische Parteien, nicht die PDS

von Konrad Weiß

Zum Merkwürdigsten, was die Wiedervereinigung mit sich gebracht hat, gehört die Konservierung der SED. SED, so hieß vor ihrer Wende die PDS, die jetzt Linkspartei heißt: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Vierzig Jahre lang hat diese Partei das Land mit Willkür und Menschenverachtung regiert und den Menschen Recht und Freiheit versagt. Zum anderen Deutschland hatte sie eine Mauer errichtet und das eigene Volk zur Geisel genommen. Mit Gewalt versuchten die Kader, den Leuten ein Glück einzubleuen, das diese nicht wollten. Viele Genossen, die sich anmaßten, die führende Kraft zu sein, haben in Wahrheit das eigene Ideal und die eigene Idee verraten. Im Herbst 1989 war die Partei ein sinkendes Schiff, das von Mitfahrern, Mannschaft und Führung verlassen wurde.

Dieses Wrack nun verwandelte sich über Nacht zur Partei des demokratischen Sozialismus. Per Parteitagsbeschluß wurden die roten Segel eingerollt und die pazifistischen, ökologischen, demokratischen oder sonstwie gefälligen Fahnen gehißt. Man erklärte sich zum Fürsprecher aller, die man zuvor unterdrückt, mißachtet und mißhandelt hatte. Die Partei der Ostdeutschen wolle man sein - ein durchsichtiges Manöver, so schien es. Und richtig, die meisten Leute wählten andere Parteien.

Das ist auch heute noch so. Aber etwas ist anders: Es ist der PDS gelungen, sich das Image einer ostdeutschen Partei zuzulegen. Nicht wenige glauben wirklich, daß die Peiniger von gestern nun selbstlose Wohltäter sind. Und daß jene, die einst die Mauer errichtet, penibel verwaltet und brutal bewacht haben, nun zur Vollendung der Einheit berufen seien. Dies ist die eigentliche Tragödie in Deutschland. Sie spaltet die Deutschen aufs neue. Dieser Riß verläuft zwischen Ost und Ost.

Viele, die sich einmal verbittert und enttäuscht von der SED abgewandt hatten, sind zur PDS zurückgekehrt. Schriftsteller, Pfarrer, Künstler, die in der DDR für Menschen- und Bürgerrechte eingetreten sind, marschieren jetzt Seite an Seite mit den Kadern - einer "Elite", die sich auch aus Zuträgern und Helfern des Staatssicherheitsdienstes rekrutiert. Und selbst solche, die in der DDR den totalitären Sozialismus leidenschaftlich bekämpft haben, sympathisieren heute mit den Genossen und wählen sie.

Die einen mögen den demokratischen Staat ablehnen, weil er keine bequeme Wärmstube ist, sondern eigene Anstrengung fordert. Verantwortlich mit der Freiheit umzugehen, erfordert Mündigkeit. Die aber ist den Ostdeutschen von der SED systematisch ausgetrieben worden. Sie nun zu erwerben, fällt schwer. Andere sind noch immer oder wieder dem Irrtum verfallen, der Sozialismus an sich sei ein gute Sache, nur die ihn verwirklicht haben, hätten versagt. Dabei ist doch die Annahme, es könne einen menschlichen Sozialismus geben, blutig widerlegt. Überall, wo Marxisten die Macht hatten, haben sie den Menschen die Freiheit genommen und ihre Rechte mit Füßen getreten. Eine gerechte Gesellschaft, die nicht demokratisch ist, gibt es nicht. Kommunisten müssen ihre Utopie zwangsvollstrecken. Dieses Konzept geistert noch immer durchs PDS-Programm.

Ein anderer Grund mag sein, daß die PDS es verstanden hat, die Fremdheit zwischen den Deutschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Niemand sonst betont die Unterschiede so wie sie. Die Ostdeutschen werden den Westdeutschen gegenübergestellt. Ossies und Wessies lautet das freundlich klingende, aber längst nur noch hämisch gemeinte Kürzel dafür. Die Annahme, die Widersprüche zwischen Ost und West seien kaum lösbar, wird mittlerweile von vielen geteilt. Aber gibt es die Mauer in den Köpfen wirklich?

Oder gibt es sie nur bei denen, die die deutsche Einheit nicht wollen? Konflikte beim Zusammenwachsen konnten nicht ausbleiben; Fremdheit nach vierzig Jahren der Trennung ist nicht verwunderlich. Doch Fremdheit und Konflikte gibt es auch zwischen Nord- und Süddeutschen, zwischen Bayern und Franken, zwischen Rheinländern und Westfalen. Aber führen die einen erbitterten Propagandakrieg gegeneinander? Für die Kommunisten, für die die gewaltsame Trennung und Entfremdung der Deutschen zum politischen Konzept gehörte, war die Wiedervereinigung eine Niederlage. Sie hat dem Experiment, das sie Sozialismus nannten, ein Ende bereitet. Und weil sie in Wahrheit keine Zukunft haben, denn ihre Ideologie hat sich überlebt, klammern sie sich an das vertraute Leitbild vom Klassenfeind. Und das, so wurde es hundertfach auf Parteitagen gepredigt und im Neuen Deutschland gedruckt, waren vor allem die Deutschen auf der anderen Seite. Jetzt heißen die westdeutschen Imperialisten Wessie: Der Klassenkampf geht unverdrossen weiter.

© Konrad Weiß 1999-2018