Deutschlandfunk, Die Sonntagskolumne, 21.06.1998

Storchennest und Fernablichter

von Konrad Weiß

Fast alle Kommentatoren waren sich einig: Das fulminante Abschneiden der Rechtsradikalen bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt sei zuerst ein ostdeutsches Problem. Die Arbeitslosigkeit und die soziale Entwurzelung besonders junger Menschen seien die Hauptursache, so die gängigen Klischees. Im demokratisch gefestigten Westen sei man vor derartigen bösen Überraschungen gefeit.

Eine Studie über Berliner Jugendliche zeichnet ein anderes Bild. Zwar ist auch nach den Erkenntnissen von Prof. Hans Merkens die Präferenz für radikale Parteien unter Ostberliner Jugendlichen weitaus stärker ausgeprägt als im Westteil der Stadt. Doch auch dort sympathisiert fast die Hälfte der Berufsschüler und immerhin jeder zehnte Gymnasiast mit NPD und Republikanern. Auch in Westberlin würden die Rechtsradikalen von jugendlichen Wählern deutlich über die 5-Prozent-Hürde gehievt. Ähnliches belegt eine Studie aus Hamburg.

Natürlich wäre es übertrieben und völlig unseriös, wollte man anhand dieser Zahlen oder des Magdeburger Wahlergebnisses der jungen Generation unterstellen, sie sei rechtsradikal. Längst nicht jeder Achtzehnjährige, der bei einer Befragung rechte Sprüche klopft oder in der Wahlkabine die DVU ankreuzt, ist ein unverbesserlicher Nazi. Dennoch: Es gibt diesen andauernden und sich verstärkenden Trend nach rechts. Davor die Augen zu verschließen - wie es der Verfassungsschutzbericht mit Stetigkeit tut - ist leichtfertig.

Jedoch scheint mir das Problem weniger bei den rechten Organisationen und Parteien zu liegen, als vielmehr in einem semipolitischen kulturellen Milieu. Ganz allmählich breitet sich ein Gedanken-Ungut aus, das längst ausgerottet schien. Nationale Phrasen, über die noch vor ein paar Jahren junge Leute nur den Kopf geschüttelt hätten, und zwar im Westen wie im Osten, werden nun ernsthaft diskutiert. Rezepturen, die sich schon einmal als tödlich erwiesen haben, werden neu gemixt. Das Vertrauen in den demokratischen Staat und seine ordnende Kraft schwindet. Die morschen Gerippe des Nationalstaats werden aus der Gruft geholt. Selbst im weltoffensten Medium, dem Internet, deutschtümelt es heftig.

Da hat zum Beispiel die deutsche Mutter und Frau ihre heimelige Homepage, pardon, ihr "Storchennest". Was auf den ersten Blick wie Dieter Hildebrandts Ironie aussieht, ist auf den zweiten Hitlers Ideologie: Umrahmt von verspielt-erbaulicher Albumspoesie geht eine Germanin namens Birka heftig die Bundesregierung an: Die plane den Völkermord. Das gehe eindeutig aus Texten des Bundeskanzleramtes zur Immigrationspolitik hervor. Darin verberge sich, mit soziologischem Kauderwelsch begründet, ein Programm zum Völker-Selbstmord an den Deutschen. Der Ministerpräsident des "heiligen" Thüringen stufe die Deutschen gar unter den Najavo-Indianern ein, die immerhin noch ein Reservat bekommen hätten.

An anderer Stelle präsentiert sich ein "Deutsches Kolleg", in dem sich die junge völkische Intelligenz schulen und prüfen lassen kann. Beim "Rückgriff auf die geistige Substanz der deutschen Philosophie" - so der programmatische Anspruch - werden Fremdworte wie die Pest gemieden. Das einführende Pamphlet über die "Zerlegung der Lage" - Analyse, pfui, welch welsches Unwort! - hebt mit der überwältigenden Weisheit an: "Alles beginnt mit der Lage, alles endet in der Lage, und alles unterbricht die Niederlage. Wir Deutschen... sind die Vermißten der Geschichte." - Selbst in der Anschrift vermeidet das Kolleg sorgsam alle Überfremdung: Aus Telefax ist national bereinigt ein "Fernablichter" geworden.

Dieser intellektuell gemeinten Variante der Deutschtümelei stehen die volkstümlichen für die mehrheitlich schlichten Gemüter unter den jugendlichen "nationalen Aktivisten" gegenüber. Die neuen Volks(lied)gruppen haben so programmatische Namen wie "Arisches Blut", "Bulldog", "Faustrecht", "Foierstoß" oder "Zerstörer". Ihre Songs heißen: "Im Zeichen des Sieges", "Blut, Schweiß und Tränen", "Es lebe das Reich". Luther sagte, man solle dem Volk aufs Maul schauen. Dem auch?

Doch Gottlob: Das Volk, die Jugend gibt es nicht. Prof. Merkens weist in seiner Studie mit Recht darauf hin, daß die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen sich normal entwickelt. Nach der Erfahrung mit zwei totalitären Regimen aber müssen die Deutschen sensibel sein und bleiben für alles, was sich in den Grüften regt - sei es lächerliche Deutschtümelei, verkrochener Fremdenhaß oder politischer Nationalismus. Die Verteidigung der Demokratie ist die gemeinsame Sache aller Demokraten - auch und gerade in Wahlkampfzeiten. Wir alle dürfen Deutschland nicht auf den Hund kommen lassen.

© Konrad Weiß 1998-2018