Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Juli 1996

Europa ist ärmer ohne Polen

von Konrad Weiß


Mein Geburtshaus stand in einer kleinen schlesischen Stadt, die heute polnisch ist: Lauban. Meine Vorfahren waren arme Häusler, Leineweber, Tagelöhner, Handwerker und Bauern, die über zwei Jahrhunderte hin im Niederschlesischen und im Glatzer Bergland lebten, weiter zurück reichen die Urkunden nicht. An meinen Vater erinnere ich mich nicht. Er war Beamter, war gläubiger Katholik und kein Nazi, und er blieb, weil er körperbehindert war, vom Dienst in der Wehrmacht verschont. Kein Widerständler, aber ein gütiger Mann, der in schweren Zeiten vielen geholfen hat. Im Frühjahr 1945 starb er an den Folgen der Flucht.

Diese Flucht, der Schmerz meiner Mutter über den Verlust des Mannes und den Verlust der Heimat, hat meine Kindheit geprägt. Das Haus, das meine Eltern unter großen Entbehrungen gebaut hatten, wurde im Krieg zerstört. Die Front wechselte mehrfach in meiner Geburtsstadt. Eine Filmaufnahme aus den letzten Kriegstagen ging um die Welt: Sie zeigt Hitler in der zurückeroberten Stadt, auf dem zerstörten Markt, und Kinder, Kinder mit Stahlhelmen, das letzte Aufgebot der deutschen Wehrmacht. Meine Geburtsstadt ist für mich eine fremde Stadt, ich habe keine lebendigen Erinnerungen, kein vertrautes Gefühl. Daß es nun eine polnische Stadt ist, bereitet mir keinen Schmerz. Heimat sind andere Städte für mich geworden, Städte, in denen ich gelebt und geliebt, gedacht und Erfahrungen gemacht habe. In diesem Sinne sind auch polnische Orte Heimat für mich, nicht aber meine schlesische Geburtsstadt.

Für meine Mutter war das natürlich ganz anders. Sie hat bis zu ihrem Tod unter dem Verlust der Heimat gelitten: Lauban blieb bis zuletzt ihre Heimatstadt. Aber so groß auch ihr Schmerz war, sie wußte, daß ihr Verlust die Folge des verloren Krieges war, des verbrecherischen Krieges, den die Deutschen begonnen und mit schrecklicher Grausamkeit geführt hatten. Ich habe von meiner Mutter nie ein Wort des Hasses auf die Polen, die nun in Lubán leben, gehört. Sie war nicht frei von Vorurteilen gegenüber den Polen, nein, das nicht, die hatte diese Generation wohl zu tief verinnerlicht. Aber sie wollte, das jene, die heute in Schlesien leben, dort ihre Heimat haben und sich dieser Heimat sicher sind. Diese einfache Frau, meine Mutter, hatte die Größe, das Unrecht, das ihr angetan worden war, anzunehmen als Sühne für die Verbrechen, die im Namen des deutschen Volkes begangen worden waren. Sie lebte eine schlichte Frömmigkeit, in der die Erfahrung von Schuld und Vergebung, von Reue und Buße, durch die Versöhnung erst möglich wird, lebendig war.

Demselben Geist bin ich in Polen begegnet, 1965 auf der Pilgerfahrt von Görlitz nach Auschwitz, mit der Aktion Sühnezeichen, und oftmals danach. Anna Morawska, Stanisław Stomma, Tadeusz Mazowiecki, Jacek Susuł, Józefa Hennelowa, Jerzy Turowicz, Mieczysław Pszon: unsere Gesprächspartner aus den Klubs der katholischen Intelligenz. Damals faszinierten mich die intellektuelle Debatte, die kühnen und weittragenden politischen Entwürfe. Heute denke ich, es war vor allem der selbstverständlich gelebte Glaube, diese bedingungslose Bereitschaft zur Aussöhnung, wodurch Vertrauen und Verbundenheit wieder möglich wurden. Wir vergeben und bitten um Vergebung, mit diesem Satz hat der Frieden zwischen Polen und Deutschen begonnen.

Wir kamen aus der DDR. Was wir wollten, Versöhnung, war in den Augen der kommunistischen Machthaber überflüssig. Es gab die Verträge zwischen den Bruderstaaten, es gab die Oder-Neiße-Friedensgrenze, es gab vielfältige politische, wirtschaftliche und kulturelle Kontakte. Die DDR hatte sich nach dem Krieg auf die Seite der Sieger geschlagen und sich zum Hort des Antifaschismus erklärt. In der marxistischen Heilslehre war für Schuld und Reue, für Vergebung und Versöhnung kein Raum. Daß nach dem Krieg, in dem Deutsche und Polen auf das schrecklichste verfeindet waren, staatliche Dekrete und Abkommen zwar eine Voraussetzung für die Aussöhnung waren, nicht aber die Versöhnung zwischen den Menschen bewirken konnten, wurde nicht begriffen. Es blieb den Kirchen und Gruppen wie Aktion Sühnezeichen vorbehalten und den vielen engagierten, gutwilligen Menschen, unter denen fraglos auch mancher Parteigenosse war. Schmerzlich und ernüchternd war es, daß diese Bemühungen vom Staat und von der SED behindert wurden, wo immer es ging.

1965, als ich zum erstenmal nach Polen kam, war es keineswegs selbstverständlich, daß Deutsche willkommen geheißen wurden. Zu nah war der Krieg noch und das Leid, das Deutsche den Polen und der polnischen Erde angetan hatten. Die Wunden waren längst nicht vernarbt. Zu den mutigen Pionieren der Versöhnung gehörten die Deutschen Lothar Kreyssig und Günter Särchen, in Polen waren es vor allem die Frauen und Männer aus den Klubs der Katholischen Intelligenz. Sie haben die Arbeit der ersten Sühnezeichengruppen in Auschwitz und Majdanek gefördert und blieben unsere wichtigsten Partner bis zum Untergang der DDR. Es soll nicht vergessen werden, daß die Sühnezeichenarbeit in Polen aus der DDR heraus begonnen wurde, unter schwierigen Bedingungen, gegen den Willen der Behörden und fast konspirativ.

Aber natürlich war Aktion Sühnezeichen nur eine kleine Gruppe, eine verschwindende Minderheit in der DDR. Sie konnte, wie es ihrer Intention entsprach, ein Zeichen geben, ein Sühne-Zeichen, mehr nicht. Die öffentliche Wirksamkeit in der DDR beschränkte sich damals ausschließlich auf den kirchlichen Raum; über die Pilgerfahrten nach Polen berichteten die staatlichen Medien nicht. Auch in der westdeutschen Öffentlichkeit wurde das kaum wahrgenommen. Anders in Polen, da nahmen auch die staatlichen Medien Notiz von der kleinen Gruppe aus der DDR. Entscheidend aber war, daß die kirchlichen Zeitschriften, allen voran der Tygodnik Powszechny und ZNAK, das bescheidene Zeichen der Versöhnung, das aus dem östlichen Deutschland gekommen war, aufgriffen und die Idee über die Jahrzehnte hin förderten und unterstützten. Unvergeßlich ist mir die großherzige, ungemein weitsichtige, fast euphorische Analyse, die Anna Morawska 1965 nach ihrer Begegnung mit den jungen Christen aus der DDR schrieb: Psychologie des Friedens.

Diese Offenheit, die großmütige Bereitschaft zur Vergebung und zur Versöhnung, die uns Jungen damals begegnete, hat uns beschämt und zugleich, menschlich und intellektuell, herausgefordert. Fast alle, die in den ersten Jahren durch Aktion Sühnezeichen nach Polen gekommen waren, sind Polen treu geblieben. Der Dialog mit Polen hat uns ermutigt und uns auch das Unrecht in der DDR klarer erkennen lassen. Es ist kein Zufall, daß viele später zu den Bürgerrechtlern der friedlichen Revolution in der DDR gehörten und damit die deutsche Wiedervereinigung vorbereitet haben, die auch Voraussetzung für den Frieden zwischen Polen und Deutschland war.


Israelische Jugendgruppe beim Besuch in Auschwitz-Birkenau © Zoonar/Konrad Weiß
Leise gegen den Strom
Ein Film von Thomas Kycia und Robert Żurek

In den siebziger Jahren schien es, als würde sich das Verhältnis zwischen der ostdeutschen und der polnischen "Volksrepublik" und ihren Bewohnern normalisieren. Die Visafreiheit, eine Kostbarkeit für die eingesperrte DDR-Bevölkerung, machte Polen zum beliebten Reise- und Urlaubsland. Das west-östliche Wohlstandsgefälle machte eine Zeitlang die DDR für die Polen attraktiv. Zunehmend wurden persönliche Kontakte geknüpft, auch Verbindungen zwischen Gemeinden und Betrieben wurden gesucht. Bald schon aber zeigte sich, daß das Fundament dafür nicht tragfähig war. In der Bevölkerung der DDR, besonders in der östlichen Grenzregion und in Berlin, wuchs der Unmut gegen die Polen, die in die DDR zum Einkaufen kamen. Alte Vorurteile lebten wieder auf. Nun rächte sich, daß die Marxisten gemeint hatten, Völkerfreundschaft, wie sie das nannten, sei ohne Aussöhnung und Verständigung der Menschen möglich, ohne Schuldbekenntnis und Reue und Vergebung. Veränderte Verhältnisse würden den neuen Menschen produzieren, staatliche Abkommen könnten Menschen zu Freunden machen. Ein klägliches Konzept. Die Marxisten sind vor allem daran gescheitert, daß sie nichts vom Menschen verstanden haben.

Als die Solidarność gegründet wurde, brachen die Beziehungen zwischen der DDR und Polen zusammen. Man muß es schonungslos sagen: Für die deutschen Realsozialisten wurde Polen wieder Feindesland. Honecker scheute sich nicht, den Russen wieder einmal die Dienste deutscher Soldaten zur Zerschlagung der polnischen Freiheit anzubieten. Am 30. Oktober 1980 wurden die Grenzen hermetisch abgeriegelt, auf Jahre hin wurde es unmöglich, aus der DDR nach Polen zu reisen. Die Propagandamaschinerie der SED lief auf Hochtouren, Verleumdungen über Polen wurden ausgestreut, antipolnische Ressentiments gefördert. Selbst die unmenschliche Sprache der Nationalsozialisten wurde im ideologischen Krieg wiederbelebt: Zusammenrottung und Wühltätigkeit, Chaos und Anarchie, Terror, Provokation und Konterrevolution, das waren die Vokabeln, mit denen die SED-Propaganda die Solidarnosc bedachte. Das Neue Deutschland warnte vor dem "polnischen Fieber". Die Angst der Kommunisten muß gewaltig gewesen sein.

Natürlich blieb das nicht wirkungslos. Es hat viele in der DDR gegeben, die der SED auf den Propagandaleim gegangen sind. Wahrscheinlich war es sogar die Mehrheit. Bei einer Minderheit aber löste die überzogene Propaganda Widerspruch aus. Menschen, die vorher isoliert waren, wußten sich auf einmal verbunden in der Sympathie für die Solidarność. Das wurde besonders nach der Ausrufung des Kriegsrechts deutlich. An der Solidarność schieden sich die Geister, auch in der DDR. Ähnlich wie ein Jahrzehnt zuvor der Prager Frühling, aber ungleich stärker, weckte der mutige Kampf in Polen Hoffnung auf Veränderung auch bei den Deutschen. Ganz zweifellos hat die Solidarnosc wesentlich zum Entstehen einer Opposition in der DDR beigetragen, auch wenn es ein weiteres Jahrzehnt dauern sollte, bis daraus die Bürgerbewegung wurde, die den realen Sozialismus bezwungen hat.

In Polen ist, nach meiner Beobachtung, dieser Reflex auf die Solidarność-Bewegung kaum wahrgenommen worden. Das mag zum einen an der fast totalen Abschottung seit 1980 gelegen haben, von der natürlich auch die Sympathisanten in der DDR betroffen waren. Aber auch an der lauten, unübersehbaren und ungleich wirksameren Hilfe aus der deutschen Bundesrepublik. Die DDR hatte im Jahr der Solidarność die wirtschaftliche Zusammenarbeit und Unterstützung fast ganz zurückgenommen. Individuelle Hilfe war zu dieser Zeit aus der DDR heraus fast unmöglich. Als dann nach der Ausrufung des Kriegsrechtes zur individuellen Hilfe aufgerufen wurde, haben sich viele auch zum Zeichen der Verbundenheit mit der polnischen Reformbewegung an den Hilfsaktionen beteiligt. Aber natürlich mußte das nach allem, was zuvor aus der DDR zu hören gewesen war, in Polen als zynisch empfunden werden. Da waren es wieder allein die fundierten persönlichen Kontakte, die Brücken bauten. Im Grunde aber sind die Wunden, die die SED den Polen im Namen der Ostdeutschen zufügte, bis heute nicht geheilt. Und noch immer wirkt die antipolnische Propaganda der Kommunisten nach: in der Fremdenfeindlichkeit vieler Ostdeutscher, in ihrer überheblichen Arroganz.

Wiederum wird es Jahre brauchen, bis die Verletzungen geheilt und die Mauern abgetragen worden sind, die zwischen den Ostdeutschen und Polen aufgerichtet wurden. Aber diesmal ist das Fundament tragfähiger als nach dem Krieg: Polen und Deutschland haben das Grenzabkommen und den Nachbarschaftsvertrag als souveräne Staaten geschlossen. Die Politiker, die diese Verträge aushandelten, und die Parlamente, die sie ratifizierten, waren demokratisch legitimiert. Maßgeblicher Architekt dieser Verträge war Mieczysław Pszon, der 1989 von Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki zum Beauftragten für die Verhandlungen mit Deutschland ernannt worden war. Sein lebendiges Interesse für die Deutschen in der Bundesrepublik und in der DDR, seine unbedingte Bereitschaft zur Aussöhnung und seine profunden Kenntnisse über die politischen Strömungen und gesellschaftlichen Verhältnisse in beiden Teilen Deutschlands waren für die Verhandlungen von konstitutiver Bedeutung. Auch für mich war es ein wichtiger Tag, als ich am 17. Oktober 1991 als Mitglied des Deutschen Bundestages diesen Verträge zustimmen konnte.

Die Verträge sind ein festes und tragfähiges Fundament für ein gutes Verhältnis zwischen Deutschen und Polen. Sie hatten sich zum erstenmal zu bewähren, als 1993 die Bundesregierung im Zusammenhang mit der Änderung des deutschen Asylrechts erheblichen Druck auf die polnische Regierung ausgeübt hat. Ich habe seinerzeit im Parlament vehement gegen die Arroganz der Bundesregierung polemisiert. Für mich als Ostdeutschen war es schmerzvoll, Polen in eine Rolle gedrängt zu sehen, die es zum Erfüllungsgehilfen der verfehlten deutschen Asylpolitik macht. Vor allem aber: Dieses Asylrecht hat neue Mauern zwischen Deutschland und Polen errichtet. Das Ziel der ostdeutschen Bürgerbewegung aber war es doch gerade, die Mauern ganz und gar niederzureißen. Auch damit sind wir gescheitert.

Nach wie vor bleibt es ein vorrangiges Ziel der deutschen Politik, Polen den Weg in die Europäische Union zu ebnen: Heimat Europa. Die Vorbehalte des Westens gegen den schnellen Beitritt der osteuropäischen Reformstaaten sind unglaublich egoistisch und borniert. Natürlich ergäben sich eine Fülle wirtschaftlicher und sozialer Probleme. Aber entscheidend ist doch der politische Wille. Gerade Polen, das unendlich viel für die Befreiung Europas vom Realsozialismus geleistet hat, das so große Opfer für die Freiheit, auch für die Freiheit der Ostdeutschen gebracht hat, hat einen Anspruch auf die unbedingte Solidarität der Europäer. Europa ist ärmer ohne Polen.

Text und Foto © Konrad Weiß 1996-2018