Deutschlandfunk, Die Sonntagskolumne, 23. April 2000

POEMA - Das Programm Armut und Umwelt

von Konrad Weiß



Die Demonstrationen im Frühjahr 2000 am Rande der Tagung von IWF und Weltbank haben das Augenmerk nachdrücklich darauf gelenkt, daß diese multilateralen entwicklungspolitischen Institutionen dringend reformbedürftig sind. Zu oft waren in der Vergangenheit Projekte nicht den Verhältnissen vor Ort angepaßt, waren überdimensioniert oder hatten einen überhöhten technologischen Standard. Großprojekte, wie der Eisenerzabbau, die Aluminiumproduktion oder die Errichtung gewaltiger Wasserkraftanlagen, haben oft mehr geschadet als genutzt. Nicht selten wurde der vermeintliche Fortschritt mit der weiteren Verarmung der einheimischen Bevölkerung bezahlt; selbst Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden wurden in Kauf genommen. Entwicklungshilfe schien manchmal vor allem der Wirtschaft und dem Prestige der Geberländer zu nutzen.

In Angola wurde mir einmal in einem Buschkrankenhaus ein hochmoderner Operations-Container gezeigt, den eine Wohlfahrtsorganisation gespendet hatte. Seit Jahren schon war er ungenutzt: Der Nachschub an Ersatzteilen war ausgeblieben, die Energieversorgung zusammengebrochen, das medizinische Personal, das mit der Technik umgehen konnte, abgewandert. Die Hightech-Geräte waren dem feuchtheißen Klima nicht gewachsen, alles war verrottet, Termiten hatten sich eingenistet. Nun hatten wieder ein Feldscher und einige Schwestern die medizinische Versorgung übernommen. Eine Blockhütte, mit Alufolie ausgeschlagen, diente als Operationssaal.

Mit dem Projekt POEMA im Norden Brasiliens wird ein anderer Weg beschritten. Das Programm "Armut und Umwelt in Amazonien" wurde an der Universität von Pará entwickelt und wird unter anderen von UNICEF und Daimler-Chrysler finanziert. Es ist ein Forschungs- und Aktionsprogramm, in dem Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, Wirtschaftsfachleute und Politiker zusammenarbeiten. Vor allem wurden von Anfang an die Indios als die eigentlich sachkundigen Partner einbezogen.

Denn die fortschreitende Vernichtung des tropischen Regenwaldes im Amazonasgebiet hat nicht nur weltweite ökologische Folgen, sie nimmt auch den Einheimischen die Lebensgrundlage. Zu etwa 35 Prozent sind Kleinbauern, die auf der Suche nach Land zu Hunderttausenden eingewandert sind, an der Zerstörung des Regenwaldes beteiligt. Wenn man über Amazonien fliegt, sieht man überall Rauchschwaden aus dem Regenwald emporsteigen. Im Kampf um's nackte Überleben versuchen die Bauern durch Brandrodung immer neue Flächen zu erschließen. Nach kurzer Zeit sind die Äcker ausgelaugt und müssen verlassen werden.

Der Verzicht auf Brandrodung ist nur möglich, wenn man Alternativen schafft. Eines der Projekte von POEMA ist daher die Beseitigung bestehender Monokulturen und die Wiederaufforstung. Der ursprüngliche Regenwald bleibt für immer vernichtet und kann nicht ersetzt werden. So müssen Methoden gefunden werden, die eine schonende Nutzung des Sekundärwaldes als Nahrungsquelle und Ressource für nachwachsende Rohstoffe ermöglichen. Im Dialog mit den Einheimischen besann man sich auf eine uralte Methode der Kayapó-Indianer, den Stufenanbau. Dabei werden die verschiedenen Vegetationsstufen des Regenwaldes, die mehrere Stockwerke bilden, nachgeahmt.

Auf der Amazonasinsel Marajó habe ich mich vom Erfolg dieser Vorgehensweise überzeugen können. Jede Familie pflanzt und bearbeitet sieben Flächen von 40 mal 40 Metern. Die Anschubkosten für den Kauf von Setzlingen und Geräten betrugen pro Person ganze 135 US-Dollar. Einfache Brunnen und Entkeimungssysteme, die mit Windkraft betrieben und von der Dorfbevölkerung selbst instand gehalten werden, sorgen für sauberes Trinkwasser. Schon nach drei Jahren reicht der Ertrag der Ilhas Florestciis, der Waldinseln für die Ernährung der Familien aus.

Zu den Naturprodukten, die gewonnen werden, gehören Kokosfasern und Kautschuk. Diese werden auf Marajó zu Kopfstützen für Omnibusse und Lastwagen verarbeitet. Bei der Verarbeitung werden modernste wissenschaftliche Erkenntnisse angewandt. Die Produktion aber ist so einfach organisiert, daß alle Bauern die eigenen Rohstoffe verarbeiten können. Die Familien arbeiten reihum in der Manufaktur. Bewußt wurde auf automatisierte Prozesse verzichtet, ausgeklügelte mechanische Hilfsmittel erleichtern jedoch die Handarbeit. Elektroenergie wird nur bei der Formung der Kopfstützen eingesetzt. Vor allem aber hat die gemeinsame Arbeit am Projekt die Menschen auf der Ilha de Marajó wieder selbstbewußt gemacht und die Dorfgemeinschaften gefestigt. Das ist wahrscheinlich der wichtigste und nachhaltigste Erfolg von POEMA - ein Erfolg, der bei den Milliardenprojekten von IWF und Weltbank kaum einmal zu erwarten ist.

© Konrad Weiß 2000-2018