Pankower Impressionen - Texte aus vier Jahrzehnten

von Konrad Weiß


1980

Die Fahne, die im Herbstregen schlaff über dem Pankower Festplatz hing, der weiße Hase auf grün-rotem Grund, war weder für den Herrscher einer exotischen Insel noch anläßlich eines Ökologen-Kongresse gehißt worden. Das Fest, das gefeiert wurde, war ein Kinderfest, die Hasenfahne das Hoheitszeichen des Spielplatzes.

Fest und Fahne haben, wie sich das gehört, Tradition. Ende der sechziger Jahre war in der Parkstraße ein verwildertes Grundstück von Garagenbauern besetzt worden. Dem Grafiker Manfred Butzmann, der dort wohnt, tat es leid um den alten Garten. Er nahm, wie das die Nachbarn getan hatten, ein Stück Land und begann, von Frau und Freunden unterstützt, auch zu bauen. Aber die Butzmanns bauten sich keine Garage, sie bauten ein Klettergerüst für die Kinder der ganzen Straße, für die es sonst keinen Spielplatz gab.

Die zweckfremde Nutzung kostbaren Garagengeländes und das fröhliche Spiel der Kinder auf Butzmanns Klettergerüst verdroß die Garagenbesitzer. Als eines Tages beim Spiel eine Garage beschädigt wurde, ließen sie sich weder vom gesammelten Geld noch von de Bitten der Kinder beeindrucken. Mit Sägen und Äxten bewaffnet rückten sie an, vertrieben die Kinder und rissen trotz des Einspruchs vieler Eltern und Nachbarn das Klettergerüst ab. Auch ein Pädagoge war daran beteiligt.

Die Kinder von damals sind inzwischen junge Erwachsene. Sie erinnern sich noch genau an jenen Abend im Frühjahr 1972, an ihre Tränen, ihre Enttäuschung, ihre Wut. Da ist wohl mehr als ein Klettergerüst zerstört worden. Doch sie haben in den Wochen darauf auch begriffen, was Solidarität bedeutet, haben gelernt, daß man gemeinsam gegen Egoisten und Spießer angehen kann. Wie das geschah, beschrieb damals ein Mädchen in einem Schulaufsatz, dem sie die Überschrift gab Einigkeit macht stark.

Die Kinder malten Plakate und forderten Platz zum Spielen. Sie holten aus den Hausfluren die Losung Miteinander - Füreinander und präsentierten sie den Garagenbesitzern. Manfred Butzmann und die Nachbarn gaben keine Ruhe, die Sache kam in die Zeitung, die kommunalen Behörden schalteten sich ein. Nach mancherlei Widerständen und vielem Hin und Her wurden schließlich einige Garagen abgerissen und verlegt, eine Zufahrt für die anderen geschaffen und die Hälfte des Grundstücks als Spielplatz bestimmt.

Beim Wiederaufbau des Klettergerüsts und bei der Gestaltung des neuen Spielplatzes halfen den Butzmanns Kinder und Eltern aus der Nachbarschaft. Auch die Garagenbesitzer, das muß zu ihrer Ehrenrettung gesagt werden, packten mit an. Ein Foto aus jenen Tagen zeigt Kinder und Erwachsene Schulter an Schulter und mit zusammengesteckten Köpfen über den Bauplan gebeugt. Ein halbes Jahr lang wurde an Wochenenden und Feierabenden gearbeitet, bis im Oktober 1972 der Spielplatz mit einem Fest eingeweiht werden konnte. Zur Erinnerung an die Hasen, die vorher zwischen den Garagen gehaust hatten, wehte die Hasenfahne über dem neuen Spielplatz. Seither wird alljährlich im Herbst Butzmanns Kinderfest gefeiert.

aus: Das Hasenfahnenfest. Die Weltbühne, Nr. 53 vom 30. Dezember 1980
Über das Hasenfahnenfest habe ich 1980 einen DEFA Dokumentarfilm für Kinder gedreht


ehemaliger Spielplatz Parkstrasse Pankow Juni 2008 © Konrad Weiß     Parkstrasse Pankow Juni 2008 © Konrad Weiß © Konrad Weiß
In der Parkstraße in Pankow im Juni 2008

1995

Natürlich könnte ich auch woanders leben. Aber ich kann nur in Berlin leben. So ist das mit dieser Stadt. Sie ist so voller heftiger Widersprüche, daß es schmerzt. Vierzig Jahre lang war Berlin eine Stadt in zwei Welten, nicht ideell, nicht symbolisch, sondern in bitterer Wirklichkeit. Diese beiden Welten prallten nach dem Fall der Mauer aufeinander. Da ist vieles zusammengekommen, was nicht zusammenpaßt. Noch immer gibt es unsichtbare Mauern in Berlin.

Die Mauern aus Beton hingegen sind kaum noch aufzuspüren. Ein paar dürftige Reste müssen museal behütet werden, damit sie künftig den Wahnsinn bezeugen. Man muß schon sehr genau hinschauen, will man die frühere Grenze entdecken. In Pankow, wo ich wohne, dem dörflich schönen Kiez mit dem weltweit üblen Ruf, trennte die Mauer Straßen und Häuser, Spielplätze und Friedhöfe. Das Gebein wurde umgebettet, die Buddelkästen mit Stacheldraht umzäunt. Die Häuser wurden abgerissen oder ihre Westfront vermauert. Viele Wohnungen standen lange leer und wurden erst später an staatstreue Mieter vergeben. Wer sie besuchen wollte, brauchte einen Passierschein. Pfarrer und Ärzte erhielten ein Dauervisum für die andere Straßenseite.

In der Nacht, als die Ostberliner an der Bornholmer Brücke die Mauer überrannten, war ich dabei. Wenig später haben die Bagger die Mauer am Ende meiner Straße weggeräumt. Aus der Sackgasse ist längst wieder eine belebte Straße geworden. An der anderen Seite des Parks, an dem ich wohne, verlief der Todesstreifen. Nach der Wende, in dieser kurzen schönen Zeit der Anarchie, hat ein Kinderbauernhof das Terrain erobert und behauptet es bis heute. Meine Kinder haben noch im Schatten der Wachtürme gespielt.

Es hat sich vieles in Pankow verändert, so wie überall in Berlin. Zwei Häuser weiter ist ein Obdachlosenheim, und im Franziskanerkloster nebenan eine Suppenküche. In der DDR hat es keine Bettler und keine Obdachlosen gegeben. Oder doch? Wer auf der Straße war, wer keine Arbeit hatte, der galt als asozial, und darauf stand Gefängnis. Aber das ist nur die halbe Antwort. Arbeit gab es tatsächlich genug, auch wenn sie volkswirtschaftlich sinnlos war. Wohnungen waren zwar knapp. Aber weil die Mieten so billig waren, gab es einen grauen Markt für ungenutzte Zweitwohnungen; irgendwo konnte man immer unterkommen. Mietschuldner wurden nicht exmittiert.

Jetzt wird überall in Berlin gebaut. Endlich werden auch die letzten Lücken, noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammend, geschlossen. Ganze Straßenzüge sind mittlerweile renoviert, tausende Wohnungen wurden modernisiert. Aber für wen? Kaum ein Ostdeutscher kann es sich leisten, in eine neue Wohnung zu ziehen oder sie gar als sein Eigentum zu erwerben. In Berlin und im Umland stehen zehntausende Wohnungen leer. Auf der Litfaßsäule gegenüber lese ich: Die Mieten explodieren, die Mieter auch. Das ist ja richtig. Aber darunter steht rot und schamlos: PDS. Und kein Wort darüber, daß sie, die Genossen, es waren, die nicht haushalten konnten und das Land und die Städte ruiniert haben. Haben das die Leute hier vergessen? Sie schwelgen in Nostalgie und schwärmen von den sozialen Errungenschaften der DDR, von den billigen Mieten und der Arbeit für alle. Aber daß sie einen überaus bitteren Preis dafür zu zahlen hatten, das haben sie verdrängt.

Die Stimmung hat sich seltsam gewandelt im Berliner Osten. (...) Ich kann ja verstehen, daß Menschen, die von einem Tag auf den anderen Macht und Einfluß verloren haben, verbittert sind und sich im befreiten Berlin nicht zuhause fühlen. Vor den gläubigen Idealisten, die ihr Lebenswerk gescheitert sehen, sich aber den bitteren Fragen stellen, habe ich Respekt. Doch eine Mehrheit ist das nicht. Warum verweigern die anderen sich? Es ist die Angst vor der Freiheit: Als ob es tausend Mauern gäbe und hinter tausend Mauern keine Welt...

aus: Angst vor der Freiheit, Neue Zürcher Zeitung vom 23.05.1995


Rest ehemalige Grenzsicherung Pankow Auguust 2008 © Konrad Weiß © Konrad Weiß     Mauerfragment Brehmestrasse Pankow Juni 2009 © Konrad Weiß © Konrad Weiß     Schaltkasten ehemalige Grenzanlage Pankow Juni 2009 © Konrad Weiß    
Fragmente der ehemaligen Grenzsicherungsanlagen in Pankow, 2008/2009

1999

Ich sitze an einem freundlichen Spätsommertag an einer belebten Straße in Pankow in einem Straßencafé. Dazu hatte ich in den letzten zehn Jahren nicht allzu oft Muße oder Gelegenheit. Aber deshalb fällt mir alles, was anders geworden ist und alles, was sich nicht verändert hat, besonders auf.

Es beginnt beim Straßennamen. In der DDR war die Straße nach Johannes R. Becher benannt, dem Schriftsteller, der als Kulturminister ängstlicher und angepaßter gewesen sein mag, als es 1990 im nachrevolutionären Herbst gefällig war. So wurde die Straße zurückbenannt in Breite Straße; nun gibt es sieben davon im wiedervereinigten Berlin. Kannten die Straßenumbenenner Becher nicht auch als expressionistischen Dichter, der "zerrissen wie die Zeit, blutend von Wunden, von Anklagen berstend" gegen den Krieg, für Europa, für eine Volksherrschaft geschrieben hatte? Und der nach dem zweiten Krieg, noch immer leidenschaftlich, für Deutschlands Erneuerung und Einheit gesprochen hatte:

Wie im religiösen Leben, so gibt es auch im Leben eines Volkes den Begriff der Wandlung. Auch ein ganzes Volk kann sich wandeln, kann anders werden. Zu solch einer Wandlung, zu solch einem Anderswerden sind wir Deutschen wiederum aufgerufen. Dazu bedarf es auch geistiger Auseinandersetzungen, einer weltanschaulichen, nationalen Klärung und Selbstverständigung, wobei wir das uns Trennende nicht verschweigen, aber es fruchtbar machen wollen im Interesse des großen gemeinsamen Ganzen. Und das wäre zudem schon ein wesentlicher Teil echter Demokratie. (Johannes R. Becher, Deutsches Bekenntnis. Drei Reden zu Deutschlands Erneuerung, Berlin 1945, S.38)

Darf einer kein Irrender, kein Mutloser, kein Fragender sein, um im wiedervereinigten Deutschland auf einem Straßenschild bestehen zu können? Oder haben die eiligen Umbenenner Johannes R. Becher jenen Text angekreidet, der als Nationalhymne der DDR gedient hat? Ich fürchte, es war wieder einmal nur Opportunismus gepaart mit Dummheit, ein garstiges Paar, das schon so viel in Deutschland angerichtet hat.

Und nun sitze ich also in der Breiten Straße. Vor einem Café, das Das Ei heißt. In der DDR hieß es anders, aber es hatte ein ovales Fenster, aus dem der Volksmund das "Ei" gemacht hatte. Jetzt heißt es ganz offiziell so, aber das originelle Fenster ist durch ein langweilig quadratisches ersetzt, das freilich sämtlichen technischen, ökologischen und bürokratischen Normen entsprechen mag - und davon gibt es viele in Deutschland. Oder war das Quadrat die Voraussetzung, damit die Eigentümer Fördermittel der EG erhalten? War das ovales Fenster zu anarchistisch?

Ich habe mir einen Cappuccino bestellt. Den gab's früher hier nicht, nur einen ziemlich scheußlich schmeckenden Kaffee. Die Kellnerin lächelt. Das hat sie, wenn ich der Erinnerung westdeutscher Entdeckungsreisender glauben soll, früher nie getan. Doch ich schwöre, es gab auch lächelnde Kellner in der DDR. Allerdings auch Rüpel. Aber die gibt es heute auch.

Die Straße, in die ich von meinem Caféhaus-Stuhl schaue, hängt voller Wahlplakate, Wahlplakate der Republikaner. In der Johannes-R.-Becher-Straße, die jetzt Breite Straße heißt, hängen die Wahlplakate der SED, die jetzt PDS heißt. Der Zeitungskiosk links hat ein ungleich reichhaltigeres Angebot als früher, ein buntes Angebot, aber das Neue Deutschland gibt es immer noch. Die Leute neben mir lesen BILD oder Neues Deutschland; ich bin der Einzige, der den Spiegel vor sich zu liegen hat.

Aus dem privaten Konfektionsgeschäft auf der anderen Seite, das die DDR und neun Jahre Marktwirtschaft überlebt hatte, ist eine Bertelsmann-Filiale mit einem dürftigen Ausverkaufs-Angebot geworden. Inzwischen wurde auch die geschlossen. Am Imbiß-Stand ein paar Schritte weiter ist nicht mehr die Bockwurst, sondern der Döner Favorit. An der Apotheke gegenüber leuchtet öd das rote Einheits-A.

Die Straßenbahn, die um die Kurve fährt, quietscht nicht mehr. Neue Gleise wurden verlegt und eine komfortable Halteinsel eingerichtet. Ich frage mich, ob die aufgewühlten Stolperecken rundherum noch dieselben sind wie zum zwanzigsten, dreißigsten, vierzigsten Jahrestag? Oder war das Pflaster zwischendurch, ohne dass ich es bemerkt hätte, ein paar Jahre lang geschlossen? (...)

Die meisten Häuser, die ich von meinem Caféhaus-Stuhl sehen kann, sind grau und unansehnlich wie immer. Ich weiß, das liegt an meinem eingeschränkten, zufällig gewählten Blickfeld. Aber solche Ecken gibt es im Osten tatsächlich noch. Die wenigen Häuser, die saniert sind, sind beschmiert - das Gekrakel heißt jetzt Graffiti. Das Eckgrundstück schräg gegenüber ist unbebaut geblieben. Darüber ragt noch immer die Fassade mit dem Wandbild auf, das ein sozialistisch-realistisches Abbild vom Pankower Wochenmarkt sein soll. Gegenstand und Abbild stimmen tatsächlich noch überein; ein Wochenmarkt bleibt ein Wochenmarkt, auch wenn jetzt die Tüten bunter und die Tomaten einheitlich rot und rund sind. Der Kleckerbrunnen auf dem leeren Eckgrundstück allerdings kleckert nicht mehr, wahrscheinlich fehlt dem Bezirksamt sogar das Geld zum Kleckern. Oder im Rathaus ist es schon Winter.

Viele Gesichter, die ich sehe, sind geblieben, wie sie waren - unfroh, verbissen, hastig, abweisend, beschäftigt, strapaziert. Ist die Verformung, der die Menschen ausgesetzt waren, wirklich so tief eingebrannt? - Wenige Schritte von der Stelle, an der ich sitze, habe ich bald nach dem Herbst 1989 auf einer Hauswand gelesen: Wo ist euer Lächeln geblieben? Als ich das 1990 in einem Essay zitierte und über den Heimatverlust schrieb, den die Wiedervereinigung für mich auch bedeutete, wurde ich mit empörten Briefen aus dem Westen überschüttet. Aber es ist doch wirklich alles anders geworden, auch wenn vieles geblieben ist wie es war. Und Veränderung bedeutet immer Verlust.

aus einem Vortrag an der Technischen Universität Chemnitz am 26. Oktober 1999


Bauarbeiten in Pankow Februar 2011  © Konrad Weiß
Bauarbeiten zur Erneuerung der Schönholzer Brücke in Pankow, Februar 2011

2001

Die Straße, an der ich seit dreißig Jahren wohne, beginnt im Berliner Stadtteil Pankow und endet im Wedding. Bis 1990 hieß das: Sie beginnt im Osten und endet in Westberlin. Lange wußte ich nicht einmal, daß die Straße jenseits der Mauer weiterführt. Auf den Stadtplänen, die im volkseigenen Landkartenverlag der DDR gedruckt waren, erschien Westberlin, die besondere politische Einheit, als unbesiedelte Fläche. Eine Terra incognita mitten in Europa.

1961, als die Mauer gebaut wurde, wohnte ich noch nicht in Berlin. Aber ich war als Besucher dort gewesen, auch im Westteil der Stadt. Für mich war der weiße Fleck auf der Karte immerhin an einigen Stellen mit Straßenzügen und Häusern, mit Türmen und U-Bahnstationen gefüllt und von Menschen belebt. Für meine Kinder, nach dem Mauerbau geboren, blieb die Stadt hinter der Mauer real und unwirklich zugleich, wie Fernsehbilder es sind, exotisch und unerreichbar.

Die Mauer war dort, wo ich wohne, allgegenwärtig. Unvorstellbar der Gedanke, daß es sie einmal nicht mehr geben könnte. Heute, ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall, ist von den Befestigungsanlagen, die die eine Welt von der anderen trennten, fast nichts geblieben. Über die Mauer ist Gras gewachsen. Man muß schon wissen, wo die Betonwand stand, wo die Zäune, Sperrgräben, Kolonnenwege, Beobachtungstürme, Bunker waren. Muß mühsam den Spuren nachgehen, die in der Erinnerung viel gegenwärtiger sind als im Stadtbild.

Auch vor zwanzig Jahren, angesichts der Mauer konnte es ein solcher Tag sein: ein heller sonniger Sommertag, Kinderlachen, Vogelgezwitscher. Auch im Schatten der Mauer lebten und lachten wir. Der Spielplatz, auf dem auch meine Kinder gespielt haben, ist heute bunt und belebt und rundherum eingebettet in frisches Grün. Damals wurde er zum Westen hin vom Beton begrenzt, vom eintönigen abweisenden Grau. Links stand ein Wachturm, auf dem die Soldaten sich langweilten. Weil sie sich mit den jungen Frauen einließen, statt auf den Klassenfeind zu achten, wurde ein Teil des Spielplatzes am Fuße des Turms eingezäunt und zum Sperrgebiet erklärt. Gelegentlich mußten die Grenzer einen Ball zurückwerfen, der zu weit geflogen war. Hätten sie geschossen, wenn ein Kind über den Zaun geklettert wäre? Die Angst hatte ich immer.

An meiner Straße, die unter der S-Bahn durch in den Wedding führt, hier aber nur für Fußgänger passierbar ist, stand in den ersten Jahren nach dem Mauerfall ein dunkles Holzkreuz. Ein Mahnkreuz für einen, der dort erschossen worden ist - ein junger Mann, wenn ich mich recht erinnere. Das Kreuz steht nicht mehr dort. Wo ist es jetzt? Wie war der Name des Toten? Sind wir so gleichgültig geworden, daß uns ein Mahnkreuz lästig ist?

Von der Grenze her waren nachts zuweilen Schüsse zu hören. Die Soldaten werden auf etwas geschossen haben, was sich bewegt hat, ein Hase, eine Katze, redete ich mir ein. Einmal aber war es ein Mensch. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich damals davon gewußt habe, oder ob ich es erst durch das Holzkreuz erfuhr. Man konnte so nahe der Mauer nur leben, wenn man den Gedanken daran verdrängt hat, zumeist jedenfalls. So wie ich heute in diesem reichen Land nur leben kann, wenn ich den Gedanken an die Armut verdränge, die ich anderswo gesehen habe.

Heute ist der Todesstreifen lebendig und grün. Das japanische Volk hat den Deutschen aus Freude über den Mauerfall viele hundert Kirschbäume geschenkt, die nun dort blühen, wo Niemandsland war. Darunter wachsen Gräser und Blumen, die sich ausgesät haben oder die mit Siedlungsabfällen hierher gelangt sind: Königskerzen und Scharfgarbe, Stockrosen und Glockenblumen, Ackersenf und Disteln und Kornähren. Ein schmaler Streifen junger Birken und Pappeln, ein Wäldchen, das sich kilometerlang hinzieht, zeigt an, wo die Mauer einmal an Westberlin grenzte.

Irgendwo im hohen Gras entdecke ich ein vollständig erhaltenes Mauersegment, gut dreieinhalb Meter hoch, einszwanzig breit, knapp zwanzig Zentimeter stark. Dieser graue, grobe Beton ist der Wahrheit näher als die bunte, lebendige Graffiti-Wand, die heute mancherorts als Mauer gezeigt wird. Die Bemalung der Mauer war 1989 ein Akt der Befreiung, ein Ritual des Überwindens von Grenzen und Autorität. Aber so war die Mauer nicht, jedenfalls nicht auf ihrer östlichen Seite. Dort war die Mauer immer nur bedrohlich, abstoßend, monströs - das häßlichste Bauwerk der Welt.

aus: Mauerspuren, Zeitzeichen, Nr. 8 vom August 2001


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