SFB Radio Kultur, 18.10.1999
Zum Buch von Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen
Rezension von Konrad Weiß
Der Autor selbst hat seinem Buch zwei schwere Handicaps in den Weg gestellt. Da ist zum einen der Titel Die Ostdeutschen. Und zum zweiten die Prämisse, eine Geschichte der ostdeutschen Gesellschaft schreiben zu wollen und dabei die Auseinandersetzung mit dem politischen System der DDR zu vermeiden. Zwar kokettiert Wolfgang Engler durchaus mit dieser Entscheidung und scheint sich der Fragwürdigkeit bewußt gewesen zu sein. Im Ergebnis läßt dies jedoch seine Analyse merkwürdig naiv und steril erscheinen. Die stillschweigende Akzeptanz totalitärer Herrschaftsstrukturen ist in meinen Augen die entscheidende Schwäche dieses Buches.
Engler beschreibt DDR-Geschichte als SED-Geschichte. Ganz selbstverständlich wird die "führende Rolle" der Marxisten vorausgesetzt und akzeptiert. Zumindest in Spuren wird darin jene blinde Arroganz wieder sichtbar, mit der die Marxisten ihre Heilslehre als "allmächtig, weil wahr" unters Volk zu bringen versuchten. Auch wenn die SED dabei nicht ohne Geschick vorging und bei unbedarften Gemütern den Eindruck erweckt haben mag, sie sei das Volk und wüßte, was für "ihre" DDR-Bürger gut ist: eine Kadergesellschaft, wie Engler sie als ostdeutsch beschreibt, gab es nie. Der Buchtitel Die Ostdeutschen ist schlechthin eine Anmaßung.
Der Autor müßte es besser wissen. Schließlich hat er, in durchaus kritischer Distanz, in der DDR gelebt. Nun aber nimmt er peinlich oft als gegeben, als tatsächlich gewesen an, was doch nur gewünscht oder als marxistische Gesetzmäßigkeit gelehrt worden ist. Seine DDR-Gesellschaft ist die DDR-Gesellschaft aus dem Marxismus-Lehrbuch. Kritische Positionen, die auch zu DDR-Zeiten schon allgemein wahrnehmbar waren, reflektiert Engler zwar. Aber Unrecht und Unterdrückung, Deformation und Entmündigung blendet er weitgehend aus oder streift sie seltsam entrückt. Das mag dem Zeitgeist geschuldet sein. Der Analyse dient es nicht. Am Ende bedient er so die Mär vom guten Sozialismus, der von bösen Funktionären verdorben worden ist.
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Wolfgang
Engler Die Ostdeutschen als Avantgarde Berlin: Aufbau-Verlag 2002 |
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Claudia Rusch
Meine freie deutsche Jugend Frankfurt a.M.: S. Fischer 2003 |
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Grit Poppe
Weggesperrt Hamburg, Dressler Verlag 2009 |
Es gibt in Englers Buch durchaus interessante Beobachtungen. Engler, der Soziologe ist, bedient sich dabei seines Handwerks. Das ist jedoch auch problematisch. Zuweilen schrumpfen ihm beim Blick durchs soziologische Mikroskop die Ostdeutschen zum ununterscheidbaren "arbeiterlichen" Gewusel: gleich, gleich, gleich. Er gerät hier in die Fußstapfen von Günter Gaus, der seinerzeit auch eine "Republik der kleinen Leute" beobachtet und eine "Nischen-Gesellschaft" ausgemacht haben wollte. Mit den Ostdeutschen hat das eine wie das andere wenig zu tun.
Die These von der zunehmenden Gleichheit der Ostdeutschen ist die fragwürdigste in Englers Buch. Er spricht sogar von der "allumfassenden Nivellierung sämtlicher Lebensformen". Mag sein, daß die "arbeiterliche Gesellschaft", wie Engler das nennt, von der SED verkündet worden ist - wirklich gewollt war sie nie. Soziale Gleichheit, gepaart mit ökonomischer Unabhängigkeit und existentieller Sicherheit, so Englers These, sei die Brücke über alle Gräben hinweg gewesen, die die Gesellschaft durchzogen. Die Gleichen an sich seien friedfertig, mit sich selbst beschäftigt und äußerst vorsichtig... Wo hat Engler denn gelebt? Die Kader selbst durchbrachen rücksichtslos die Schranken, die sie errichtet hatten, und nahmen sich rabiat, was ihnen paßte. Nicht Gleichheit, sondern Privilegien kennzeichneten die ostdeutsche Gesellschaft. "In der DDR sind alle gleich, aber manche sind gleicher", kommentierte der Volksmund das.
Manchmal schreibt Engler die von der SED in die Welt gesetzten Legenden fort. In seinem Kapitel über die Moderne, die zu den Ostdeutschen kam, Widerspruch auslöste und kleinlaut wurde, verklärt er auf geradezu skurrile Weise die Nachkriegsarchitektur. In Berlin, in der Stalinallee, sei "die Schlichtheit gediegen, Reduktion nicht Armut, sondern Zugewinn an Klarheit. Die Häuser strotzten gleichsam vor Bescheidenheit, sprachen den reinsten Dialekt der neuen Sprache." Und das ist tatsächlich nicht ironisch gemeint! Der Palast der Republik ist für Engler die Inkarnation des Kleine-Leute-Staats, das Déjà-vu der ostdeutschen Moderne. - Darf man über Städtebau der DDR schreiben und dabei die systematische Zerstörung und sträfliche Vernachlässigung der historischen Bausubstanz nicht einmal erwähnen?
An anderer Stelle schreibt Engler über die Sexualität der DDR-Bürger. Er befindet, die soziale Gleichheit habe maßvolle Genüsse geboten, an denen jeder und jede teilhaben konnte, der politische Druck jedoch habe zu maßlosen Genüssen eingeladen, zur sexuellen Kompensation von Ohnmachtserfahrung. Dies nennt er die "sexuelle Dialektik der arbeiterlichen Gesellschaft". Die FKK-Bewegung verklärt er zur eigentlichen ostdeutschen Revolution. Mit der Wiedervereinigung hätten die Ostdeutschen ausgerechnet auf dem Felde ihres größten Triumphes - der unmittelbaren menschlichen Begegnung - auch ihre größte Niederlage erlitten...
Engler hat mit seinem Buch den Ostdeutschen einen schlechten Dienst erwiesen. Statt sie mit dem gesellschaftlichen System, das sie verletzt und deformiert hat, zu konfrontieren, erklärt er es ihnen. Er vermeidet das Wehtun. Diese Sicht mag in der DDR verzeihlich, sogar verständlich gewesen sein, jedenfalls überlebensnotwendig. Aber heute, da das System durchschaubar und in seiner ganzen Perversion offenbar geworden ist, darf man nicht wegschauen. Man muß uns, den Ostdeutschen, die Wahrheit zumuten, auch wenn sie brennt. Die ostdeutsche Gesellschaft war keine menschliche Idylle, sondern ein Unterdrückungssystem; die DDR kein politisches Neutrum, sondern ein totalitärer Staat. Man kann kein Buch über die Ostdeutschen ohne diese Prämisse schreiben.
© Konrad Weiß
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