Der Verlierer als Sieger
von Konrad Weiß
Der Verlierer des Duells, so scheint es, heißt Lafontaine. Ein stilloser Rückzug, Pflichtvergessenheit, Fahnenflucht gar wurden ihm vorgeworfen, als wäre das Ministerium eine Kaserne. Gegner wie Freunde, sofern es die in der Politik überhaupt gibt, beschworen Pflicht, Verantwortung und allerlei Tugend. Der Kanzler warf ihm den Dank hinterher - so mürrisch wie der Kneipier dem letzten Gast. In Wahrheit ist Gerhard Schröder selbst es gewesen, der seinem Steigbügelhalter vom hohen Roß herab den Tritt versetzt hat, der ihn umwarf.
Lafontaine hat Fehler gemacht, keine Frage. Aber daß er nun zurückgetreten ist, das war keiner. Das war Selbstschutz und Selbstachtung. Und die sind wichtiger als alle Ämter. Sein entscheidender Fehler war, daß er sich erst auf die Troika, dann auf das Zweigespann eingelassen hatte. Macht ist nicht teilbar. Sie ist, und das ist gut so, durch die Gewaltenteilung und das Grundgesetz gebunden. Sie ist zeitlich begrenzt und wird kontrolliert. Das ist das Wesen der Demokratie. Doch eine kollektive Führung, wie sie die Achtundsechziger vielleicht erträumt hatten, die gibt es nicht. Einer muß immer den Hut aufhaben. Daß Schröder dafür nicht der Richtige ist, hätten Lafontaine und seine Genossen spätestens seit jenem Coup wissen müssen, bei dem der Zaunrüttler sich durch eine Art Gottesgericht zum Kanzlerkandidaten gekürt hat. Damals schon hätte Lafontaine aus dem Deal aussteigen sollen. Das wäre für ihn, seine Partei und für das Land besser gewesen.
Nun, nach Lafontaines Rücktritt, ist viel über Stilfragen gesagt und geschrieben worden. Warum eigentlich? Handelt jemand, der sich zurückzieht, um sich zu schützen und seine Würde zu bewahren, stillos? Viel eher hat Bundeskanzler Schröder Probleme mit dem guten Stil. Auch in einer Mediengesellschaft hat es ein Regierungschef nicht nötig, durch alle möglichen Talk- und Game-Shows zu gockeln. Nach der Wahl ist der Wahlkampf vorbei. Ebenso stillos ist es, wenn sich der Kanzler eines Landes mit viereinhalb Millionen Arbeitslosen in sündhaft teuren Klamotten ablichten läßt. In Klamotten, die mehr gekostet haben, als mancher Erwerbslose im ganzen Jahr erhält.
Nicht bloß stillos, sondern niederträchtig aber war es, wie Gerhard Schröder mit dem Finanzminister und Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei umgesprungen ist, seinem Freund. Der Kanzler hat in der Regierung die Richtlinienkompetenz, oder anders ausgedrückt, die Macht. Dennoch ist er nicht der King, sondern Erster unter Gleichen. Die Minister sind seine Partner, nicht seine Untergebenen, die er nach Belieben abkanzeln kann. Wenn der Kanzler sich nicht anders zu helfen weiß, als sich über seine Mitstreiter in Abwesenheit abfällig und in Anwesenheit demütigend zu äußern, dann offenbart das eine Charakterschwäche, die beängstigend ist. Die SPD sollte es sich dreimal überlegen, ob sie diesen Gernekanzler zu ihrem Vorsitzenden macht.
Oskar Lafontaine hat mit seinem Rücktritt sehr menschlich auf die Verletzung reagiert, die ihm der Freund zugefügt haben muß. Er ist ja bei jenem Attentat vor neun Jahren schon einmal tief getroffen worden. Solche Wunden brechen leicht wieder auf. In einer Parteikarriere, das scheint unvermeidlich, lernt man es, Hiebe auszuteilen und Schläge einzustecken, Sticheleien hinzunehmen und Kränkungen zu erdulden. Kein politischer Gegner ist so unbarmherzig, wie es die eigenen Leute sein können. Daß Lafontaine die Kraft hatte, sich dem zu entziehen, offenbart Charakter. Es wäre ja auch für ihn bequemer gewesen, sich zu ducken und still zu halten.
Daß dieser entschlossene, mutige Schritt von so vielen als pflichtvergessene Feigheit angesehen wird, muß nachdenklich machen. Darin offenbart sich ein übermenschlicher Anspruch an Politiker, überhaupt an alle, die öffentlich reden und handeln. So als wäre ein Staat, eine Partei wichtiger als ein Mensch. Politiker, auch wenn sie ins Parlament oder in die Regierung gewählt sind, sind weder Volkseigentum noch die Lakaien irgendeiner Partei oder Clique. Menschen, die die Hoheit über sich selbst verloren haben, können auch das Land nicht gut regieren. Für mich heißt der Verlierer des Duells nicht Lafontaine.
© Konrad
Weiß 1999-2010