Die Welt, 26. Oktober 1995

Die ostdeutsche Gesellschaft ist eine Gesellschaft ohne Gott

von Konrad Weiß

Diesmal hat mich der fulminante Wahlsieg der PDS nicht überrascht. Ich wohne im östlichen Berlin und bekomme tagtäglich zu spüren, wie sich der alte SED-Mief wieder ausbreitet. Das begann ungefähr vor zwei Jahren. Es ist schwer zu beschreiben, es ist etwas Atmosphärisches, das sich in Blicken, Gesten, Halbsätzen ausdrückt und natürlich im heimlichen Kreuz für die PDS. Es sieht ja keiner, lautete ein Wahlspruch Gysis. Deutlicher hätte die PDS ihre totalitäre Gesinnung nicht offenbaren können. Nun kommen die, die sich eine Zeitlang verkrochen hatten, wieder ans Licht.

Mit Bärbel Bohley tauschte ich neulich eine ganz alltägliche Erfahrung aus: Wie uns immer offener auf der Straße, beim Einkauf im Kiez kalter Haß entgegenschlägt. In den anonymen Briefen, die wir erhalten, wuchert das schon lange: Wir sind die, die den DDR-Bürgern ihre schöne DDR kaputtgemacht gemacht haben. Dieses blühende Land, in dem niemand für irgendwas und erst recht nicht für sich selbst verantwortlich war. Wo man bis zum Lebensende Wickelkind sein durfte, wohlbehütet von Vater Staat und Mutter Partei. Und muß nun plötzlich erwachsen sein und Verantwortung übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern für das Gemeinwesen, nicht nur für das Heute, sondern auch für die Taten von gestern. Nein, da kuschelt man sich lieber warm ins PDS-Nest und darf reuelos bleiben, was man war. Selbst Freunde verraten zu haben, ist keine Schande bei den Genossen, sondern die beste Empfehlung für eine neue Karriere.

Die PDS verträgt keine mündigen Bürgerinnen und Bürger, das macht sie im eigentlichen gefährlich. Denn sie tradiert damit die totalitären Strukturen der DDR. Das ist etwas ganz anderes als jenes nostalgische Beharren, das gemeinhin die Erfolge der PDS erklären soll. Jeder, der sein Leben lang in der DDR gelebt hat, ist in diesem Lande verwurzelt, hat es verzweifelt gehaßt und geliebt. Ich habe schon vor fünf Jahren gewußt, ich werde mein Leben lang DDR-Bürger bleiben. Ich lese Franz Fühmann und Christa Wolf, höre Karat und Barbara Thalheim, sehe die Filme von Konrad Wolf und Frank Beyer. Die bröckligen Fassaden in Pankow sind mir vertrauter als die glatten in Schöneberg. Heimat ist dort, wo man lebt.

Aber zu meiner DDR-Erfahrung gehört auch das andere: die Angst und die Überwindung der Angst, die Entmündigung und die Mühen des Mündigwerdens, das Angepaßtsein und die Einmischung in eigener Sache. Und die überaus schmerzliche Erkenntnis, allzulange in einer unmenschlichen Diktatur gelebt und gearbeitet zu haben, ohne deren Unmenschlichkeit wirklich zu durchschauen. Ich frage mich beschämt und schockiert, ob ich vieles davon nicht längst hätte wissen müssen und vielleicht nur nicht wahrhaben wollte. Jene, die PDS wählen, verdrängen offenbar ihre Scham und Verzweiflung auch heute noch. Denn es wäre doch zynisch, würde man sehenden Auges jene Partei wählen, die verantwortlich war für die Unmenschlichkeit des totalitären Sozialismus. Oder gehört auch das zu den heillosen Schäden, daß mehr zu Zynikern geworden sind, als wir ahnen?

Aber vielleicht ist in den zwölf und den vierundvierzig Jahren totalitärer Herrschaft ja tatsächlich etwas Menschliches verloren gegangen: die Fähigkeit zur Schuld. Die ostdeutsche Gesellschaft war und ist eine Gesellschaft ohne Gott. In der Frühzeit der DDR wurde versucht, das Gewissen durch Rituale der Kritik und Selbstkritik zu betäuben, persönliche Verantwortlichkeit durch kollektives Handeln abzutöten, aus dem Ich ein Wir zu machen. Noch Mitte der achtziger Jahre wurde in der DDR der georgische Film Die Reue verboten, der sich mit Verantwortung und Schuld im politischen Handeln auseinandersetzte. Das kindliche Gestammel, mit dem die Maron, Gysi und Wolf, alles doch intelligente Leute, ihre Schuld zu vertuschen suchen, verweist auf einen tiefen Defekt. Viele ehemalige DDR-Bürger sind wie sie unfähig, Konflikte und Konfrontation auszuhalten. Auch das mag teilweise den Erfolg der PDS erklären.

Und noch ein dritter, ganz anderer Aspekt scheint mir bedenkenswert: Die PDS bemüht sich wirklich um Bürgernähe. Vielleicht ist das sogar ihre entscheidende Stärke. Die demokratischen Parteien hingegen haben zu sehr das Parteienwohl vor das Gemeinwohl gesetzt und sind zu bloßen Machterhaltungsvereinen mutiert. Die Genossen aber sind auch zwischen den Wahlen aktiv und kümmern sich um die alltäglichen Mißlichkeiten der Bürger. Sie helfen ganz praktisch, beim Ausfüllen von Formularen, beim Gang zu den Ämtern. Vereine, die Beratung und Hilfe anbieten, sind überall aus dem Boden geschossen und werden diskret von der PDS ausgehalten. Die Partei verfügt über eine gewaltige Kampfreserve an disziplinierten und sachkundigen Kadern: Menschen, die nach der Wende vorzeitig aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, investieren nun ihre Zeit in die soziale Parteiarbeit. Dazu kommt eine stille Vernetzung in die ostdeutschen Ämter und Rathäuser hinein. Nicht zufällig gehören gerade Angestellte und Beamte zu den Stammwählern der PDS, mancherorts in Berlin an die fünfzig Prozent. Diese Seilschaften funktionieren still und unauffällig, egal wer im Rathaus regiert. Es ist schon absurd: In der alten Bundesrepublik durften stramme Marxisten nicht mal Lokführer oder Briefträger sein. Heute sind sie Stadträte und Bürgermeister, Beamte und Polizisten.

Die Bürgerinnen und Bürger jedenfalls haben das Gefühl, die von der PDS wollen wirklich helfen, auch wenn sie tatsächlich kaum etwas erreichen mögen. Die PDS wird als bürgernahe Partei wahrgenommen, die bei keinem Fest und keinem Protest fehlt. Viele, die aus ehrlicher Menschlichkeit helfen, durchschauen nicht, daß ihr Engagement von Gysi & Co auf dem langen Marsch zur Macht mißbraucht wird. Vielleicht haben sie ja auch das Gefühl, etwas gutmachen zu können. Die demokratischen Parteien jedenfalls dürfen das solidarische Handeln nicht der PDS überlassen. Gerade im Osten müssen sie tagtäglich vor Ort präsent sein. Das gelegentliche Bad in der Menge, mag es den Mächtigen noch so schmeicheln, ersetzt nicht die demokratische Kärrnerarbeit.

© Konrad Weiß 1995-2018