Beitrag auf dem Symposium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der Katholischen Akademie Berlin
Kritische Zeitgenossenschaft - Standortbesbimmung der katholischen Kirche in Deutschland
am 10. September 1999 in Berlin

Missionsland Deutschland?

von Konrad Weiß

Ich gebe zu, daß ich mich am Kernbegriff meines Themas - Missionsland - heftig reibe. Der Zufall fügte es - aber gibt es Zufall? - daß mir unlängst in meiner unübersichtlich gewordenen Bibliothek ein Buch in die Hände fiel, das mein Verständnis, meine Vorstellungen von Mission einmal maßgeblich geprägt hat: "Der fliegende Pater in Afrika" von Paul Schulte O.M.I. Ich habe es 1952 zu meiner Erstkommunion bekommen, wie eine Widmung ausweist. Als ich es nun wieder las, wurde mir bewußt, daß ich es seinerzeit nicht nur verschlungen, sondern mehrfach gelesen haben muß; ganze Sätze und Abschnitte waren mir sofort wieder gegenwärtig. Wahrscheinlich habe ich damals auch eine Zeitlang davon geträumt, fliegend oder auch nicht fliegend in die Mission zu gehen.

Erschrocken bin ich beim Wiederlesen über den europäischen Hochmut, den dieses Buch, das in den dreißiger Jahren geschrieben worden ist, atmet. Die "Pflanzung sichtbarer Kirche", wie später das Zweite Vatikanische Konzil Mission definierte, war damals noch fatal verbunden mit der Vorstellung, den "Kaffern" müsse nicht nur das Evangelium, sondern auch europäische Lebensweise und Kultur gepredigt werden. Jedenfalls will Pater Schulte bei seinen Expeditionen durch das südwestliche Afrika "Bitten der Unkultur an die Kultur" vernommen haben.

Im März 1991 hat es mich selbst in jene Weltgegend verschlagen, in den Südosten Angolas, nach Jamba, den Hauptsitz der UNITA-Guerilla. Die Reise dorthin war noch immer abenteuerlich, jedenfalls nach den Maßstäben des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Dort, mitten im Bürgerkriegsgebiet, herrschte seit Monaten eine Hungersnot. Nun ging es darum, eine Hilfslieferung mit Getreide, die jenseits der Grenze in Namibia wartete, sicher zu denen zu bringen, die sie vor allem benötigten, den Frauen und Kindern. Die "Stiftung Hilfe in Not" brauchte jemanden vor Ort, der verhindern konnte, daß sich die Guerilla bedient und die Zivilbevölkerung leer ausgeht.

Diese Autorität war eine Ordensschwester vom Orden vom Göttlichen Erlöser. Sie war einige Jahre zuvor von der UNITA gekidnappt und nach Jamba verschleppt worden - aus purer Not, weil es an medizinischen Fachkräften fehlte. Die Amerikaner hatten zwar, als der Bürgerkrieg in Angola noch ein Stellvertreterkrieg war, mitten in den Busch einige höchst moderne Lazarettcontainer gestellt. Aber die waren nun, wenige Jahre später, nutzlos, weil es an Ersatzteilen fehlte, weil niemand die moderne Technik bedienen konnte und weit und breit kein Strom zu haben war. Die Ärzte und Techniker hatten das Land längst verlassen. Jetzt hatten Termiten von den einstmals funkelnden Geräten Besitz ergriffen. Als Operationssaal diente nun eine Holzhütte, die innen mit Aluminiumfolie ausgeschlagen war, als Krankensaal ein mit Palmwedeln überdachter Schuppen. Es war das einzige "Krankenhaus" weit und breit, Anlaufstelle für einige zehntausend Menschen. Dort tat die Ordensschwester zusammen mit einem einheimischen Feldscher und Krankenschwestern, die sie ausgebildet hatte, ihren Dienst. Längst hatte sie das Vertrauen der Guerillas gewonnen, weil sie vielen Verwundeten, vor allem aber den Familien hatte helfen können. Inzwischen hatte sie, die Entführte, auch in der Heimat Urlaub machen dürfen und war danach wie selbstverständlich ins Bürgerkriegsgebiet zurückgekehrt. Ihr ist es dann tatsächlich gelungen, daß die Hilfslieferung aus Deutschland an die Zivilbevölkerung gelangt ist.

Mir scheint diese Form der Mission, das gelebte Zeugnis, das die sozialen und kulturellen Eigenarten ganz selbstverständlich respektiert, dem Evangelium näher und das zeitgemäßere Missionskonzept zu sein. In Nostra aetate, der Erklärung des Vaticanum secundum über die nichtchristlichen Kirchen, mahnt die Kirche ihre Söhne, und ich denke, auch ihre Töchter, "daß sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sichtlichen Güter und auch die sozial-ethischen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern."

Mein Ausflug nach Afrika erscheint vielleicht ein wenig abwegig, geht es hier doch um das Missionsland Deutschland. Daß Deutschland das ist, scheint mir außer Frage. Ich denke, es ist eine Minderheit unter den Deutschen, die die Frohe Botschaft hört und danach lebt, und zwar im Osten wie im Westen. Das Evangelium wird vom Wohlstand erstickt. Kirche wird vor allem als Institution wahrgenommen, weniger als lebendige Gemeinde, auch wenn sie das ist. Vor allem aber: Vielen Menschen, auch Christen, fehlt es an Spiritualität. Die Quellen sind versiegt, die Zugänge verschüttet. Im Spirituellen sind wir zum Entwicklungsland geworden.

Doch auch der "moderne Mensch" - wie wir uns so gern nennen - an der Schwelle zum dritten Jahrtausend spürt den Mangel an Transzendenz und leidet darunter. Er sucht ihn auf vielfältige Weise zu beheben; der Glaube der Christen ist im christlichen Abendland längst nicht mehr allein selig machend. Diese Welt, in der alles nah geworden zu sein scheint, lebt von der kulturellen und religiöse Erfahrungen vieler Völker und Generationen. Das kann bereichern, aber auch fort vom Zentrum zur Oberflächlichkeit führen. Im esoterischen Supermarkt wechseln die Moden wie anderswo auch. Unter diesen Umständen wäre Mission in Deutschland zwangsläufig nur ein weiteres Angebot unter vielen. Die Exklusivität, die das Evangelium hatte, als es zusammen mit Glasperlen und Vorderladern unter die "Wilden" gebracht wurde, hätte es in unserem materiellen und kulturellen Überflußland nicht. Wenn hierzulande die Verkündigung des Evangeliums so mit politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interessen verquickt würde, wie es Jahrhunderte lang in den Missionsländern geschehen ist, würde das Kirche zerstören, aber nicht aufbauen. Deshalb mein Ausflug ins südliche Afrika; manchmal lernen Menschen ja tatsächlich aus der Geschichte.

Vor allem aber frage ich mich: Ist Mission überhaupt vereinbar mit dem aufklärerischen Verständnis von Demokratie und von der Freiheit und Würde eines jeden Menschen, das unsere Gesellschaft prägt? Die Sendungsworte "Gehet hin zu allen Völkern, verkündet das Evangelium allen Geschöpfen" - Matthäus 28,19 und Markus 16,15 - gelten heute wie immer. Eine Verkündigung aber, die die Freiheit und Menschenwürde des Gegenüber respektiert, wird vor allem gelebtes Zeugnis sein müssen. Ein Zeugnis wie das der Ordensschwester in Angola. Für den späten Karl Barth war Mission nichts anderes als ein solches "Glaubenszeugnis der Gemeinde". Im Dekret des Vaticanum II über die Missionstätigkeit, Ad Gentes, das im ganzen noch sehr von einem traditionellen Missionsverständnis geprägt ist, heißt es immerhin: "Missionarische Tätigkeit ist nichts anderes und nichts weniger als Kundgabe oder Epiphanie und Erfüllung des Planes Gottes in der Welt und ihrer Geschichte, in der Gott durch die Mission die Heilsgeschichte sichtbar vollzieht." - Vielleicht sollten wir im Vertrauen auf den Geist Gottes Deutschland nicht ein Missionsland, sondern ein Epiphaniasland nennen - wissend, das alle Länder dieser Erde Epiphaniasländer sind.

© Konrad Weiß 1999-2018