Rheinischer Merkur, Nr. 38 vom 19.09.2002

        Eine Rolle rückwärts
        Rezension "Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS"

        von Konrad Weiß

        Es gibt höchst überflüssige Bücher; dies ist eines: "Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS". Die Herausgeber und die 20 genannten Autoren waren ehemals hochrangige Stasi-Offiziere, vom Oberst bis zum Generalleutnant. Daneben hat es offenbar zahlreiche "inoffizielle Mitarbeiter" gegeben, die an dem voluminösen Werk mitgeschrieben haben. Auf der Stasi-Homepage (die es tatsächlich gibt) enthüllen die Herausgeber, daß wenigstens hundert weitere Mitarbeiter des MfS durch Hinweise, Erinnerungen an konkrete Personen und Ereignisse, kritische Bemerkungen usw. an dem Buch mitgewirkt hätten. Hinzu käme eine Reihe von Personen, die zwar keine Mitarbeiter des MfS waren, aber durch Vermittlung ihrer Erkenntnisse geholfen haben.
         

        Cover Die Sicherheit Wer sich von derart geballtem Insiderwissen Aufklärung über die "Aufklärer" erhofft, sieht sich enttäuscht. Das Buch bringt kaum etwas, was nicht in den letzten Jahren durch wissenschaftliche Publikationen oder durch die fundierte Forschungsarbeit der Birthler-/Gauck-Behörde öffentlich gemacht worden wäre. So zitieren denn auch die Autoren pikanterweise mit Vorliebe aus Veröffentlichungen der von ihnen so sehr gehaßten Bundesbehörde. Oder sie schicken in bewährter Manier heimliche Zuhörer in deren Veranstaltungen und lassen Gedächtnisprotokolle fertigen, auf die sie sich dann berufen.

        Nun hatten die Autoren wohl tatsächlich Probleme mit der Quellenlage. Denn ehemaligen Stasileuten ist aus gutem Grund die Einsicht in die Akten, die sie einst angehäuft haben, verwehrt. Doch ich zweifle nicht daran, daß ihnen ihre inoffiziellen Mitautoren alle gewünschten Informationen besorgt haben. Oder daß sie auf Unterlagen zurückgreifen konnten, die sie rechtzeitig beiseite geschafft haben. Zum Beispiel die "Kollektiv-Dissertationen", mit denen sie an der Hochschule des MfS in Potsdam promoviert haben.

        So hat "Oberstleutnant a.D. Dr.jur." Wolfgang Stuchly dort seinen Doktortitel mit einer Arbeit zum Thema "Grundfragen der politisch-operativen Abwehrarbeit zu Korrespondenten und Journalisten des nichtsozialistischen Auslandes" erworben. Im Buch schreibt er über die Spionageabwehr des MfS. Der einstige Redenschreiber Mielkes, "Oberst a.D. Dr.jur." Reinhard Grimmer, schreibt über die Sicherheitspolitik der SED und über die Aufgaben und Methoden der Abwehr. In seiner Dissertation hatte er das am Beispiel der "Untergrundtätigkeit" der Schriftsteller Siegmar Faust, Jürgen Fuchs, Stefan Heym und Wolf Biermann behandelt. Daß den Absolventen der Stasi-Hochschule die dort erworbenen akademischen Grade aberkannt sind, sei nur am Rande erwähnt. Auch ihre militärischen Ränge versehen die Stasi-Offiziere zu Unrecht mit dem "a.D.". Ihr Buch beweist das aufs trefflichste.

        Im schon erwähnten MfS-Insider-Interview bekennen sie sich ausdrücklich zur Sprache, zu den speziellen Begriffen und Ausdrucksweisen des Ministeriums für Staatssicherheit: "Die Autoren konnten und wollten sich davon nicht lösen, oder gar in den Sprachstil verschiedener Vergangenheitsbewältiger verfallen, der eher verfälschend als wahrheitsfindend ist." In ihrer Lesart war denn auch der Staatssicherheitsdienst ein "Rechtspflegeorgan". Bürgerrechtler werden grundsätzlich in Anführungszeichen geschrieben. Die kirchlichen Friedensgruppen haben das biblische Symbol Schwerter zu Pflugscharen "demagogisch vereinnahmt". Und indem die "Stasi-Jäger" den damaligen Gegner aufwerteten, wollten sie die eigene Bedeutung heben. Die Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung, von der alle DDR-Bürger massiv betroffen waren, rechtfertigen sie mit der Menschenrechtskonvention des Europarates. Die Schnüffelei der "Schriftenfahnder", die tausendfach Briefe von unbescholtenen Bürgern geöffnet und Schriftstücke untersucht haben, auch durch die "Blutgruppenbestimmung von Speichelresten unter Briefmarken", setzen sie gleich mit den modernen gentechnischen Verfahren zur Identifizierung von Sexualstraftätern.

        Ich bezweifle, daß dieses Opus auch nur den geringsten Wert für die Zeitgeschichtsforschung hat. Oder gar ein "Kompendium über das MfS" ist, als das es die Autoren gern genutzt wissen möchten. Sie alle waren und sind nicht nur Abwehr-, sondern auch Desinformations-Spezialisten. Auch wenn sie sich betont sachlich und objektiv geben - bis auf gelegentliche Ausfälle gegen Bürgerrechtler oder "Verräter" - verschweigen sie mehr als sie enthüllen. Sie leugnen das Unrecht, an dem sie verantwortlich beteiligt waren, noch immer. Was längst belegt und bezeugt ist - die Menschenrechtsverletzungen der DDR, die Folter in den Stasi-Gefängnissen, die Zersetzungsmaßnahmen des MfS, die systematische Zerstörung von Menschen, die Ausspähung des eigenen Volkes - das alles hat es angeblich nie gegeben. Der Wahrheitsfindung dient das Buch dieser "MfS-Insider" nicht.

        Allenfalls über die einstigen Führungskader selbst spricht es Bände: über ihre völlige Uneinsichtigkeit und ihre geradezu tragische Unfähigkeit zur Schulderkenntnis oder gar zur Reue. Sie rechtfertigen den totalitären Sozialismus noch immer. Daß sie einem Unrechtsstaat gedient und Unrecht getan haben, zu dieser Erkenntnis gelangen sie nicht. Nicht einmal Ansätze dafür sind zu erkennen. Wenn überhaupt Fehler gemacht worden sind, dann durch die SED-Führung, die sich die Erkenntnisse und Vorschläge des MfS zur noch brutaleren Durchsetzung der "sozialistischen Demokratie" nicht zu eigen gemacht hat. In einem Punkt allerdings muß man den Autoren recht geben: daß nämlich die politische Verantwortung für das MfS bei der SED gelegen hat. Diese Verantwortlichkeit ist nach der friedlichen Revolution viel zu sehr aus dem Blickfeld geraten. So kam es, daß diese Partei im wiedervereinigten Deutschland unbehelligt geblieben ist und unter anderem Namen fortwirken konnte.

        Ihr Buch beschließen die Autoren mit einem Zitat von Friedrich Engels über Revolutionen und Revolutionäre: "Wir haben viel getan, was wir besser unterlassen hätten, und wir haben viel unterlassen, was wir besser getan hätten, und deswegen ging die Sache schief." Nur gut, daß die Stasi-Revolutionäre eine zweite Chance nicht haben werden.

        © Konrad Weiß 2002-2010

      Amazo.de R. Grimmer, W. Irmler, W. Opitz, W. Schwanitz (Hg.):
      Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS
      Berlin: Edition Ost im Verlag Das Neue Berlin, 2002.
      1248 Seiten, ISBN 3-360-01030-2


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