Und ich suche
meine Bilder an der weißen Wand...
Fragmente für
einen Film über Janusz Korczak
von Konrad Weiß
Ich
werde die Augen weit öffnen und mich wundern. Die Stille spricht,
mein Gedanke spricht in der Stille. Die aufgehende Sonne spricht, die Erde
und die Sterne sprechen. Leise flüstert der Stein. Und ich suche meine
Bilder an der weißen Wand, auf den Felsen, in den Wolken, über
dem Bett eines Kindes. Janusz Korczak
Schoah
Das Ende zuerst: bezeugt
und beschrieben und dennoch schon Mythos. Das Blau des Himmels verschmilzt
mit dem Gelb der reifen Erde zum Grün. Grün: Farbe des Lebens
und Farbe des Todes. Vor der grünen Fahne der Kinder salutiert kein
Soldat; das Banner der Hoffnung, das Feldzeichen der Zukunft wird zu Grabe
getragen an diesem dunklen Tage im August. Hand in Hand folgen die Kinder,
zweihundert Herzen schlagen bange und bitter, sie begegnen dem Tod auf
ihrem Gang, ich kenne die Bilder.
Ghetto. Im Rinnstein
liegen die nackten Toten. Kinder mit Greisengesichtern hocken im Kehricht.
Die Irregewordene, das tote Kind in den Armen, schreit inmitten der achtlosen
Menschen ihr Wiegenlied in den Himmel. Deutsche Väter indessen jagen
Judenlümmel wie Hasen: für ein Pfund geraubte Kartoffeln eine
Sonderration Schnaps, für hundert erschlagene Kinder das Eiserne Kreuz?
Streck dem Herrn Deutschen nicht die Zunge heraus, kleiner Dawid! Schau
dem Herrn Deutschen nicht in die Augen, Haneszka! Hat den eine Mutter geboren,
der dir die Augen ausstach?
Der letzte Weg: Sliska,
Sosnowa, Twarda, Zelezna, Nowolipie, Karmelicka, die Zamenhofstraße
und auf dem Gemüsemarkt Slawkistraße der Umschlagplatz. Namen
nur, denn kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Folge ich euch, ihr
Straßen, folge ich Schatten; was ihr heute seid, hat mit den Schritten
der Zweihundert, Hand in Hand, nichts zu tun.
Waren sie, inmitten
des Grauens, noch immer unwissend? Getröstet belogen, belogen getröstet?
Ach, sie folgen dir, Abram, auf den Berg: Isaak, der dem Abram vertraut.
Abram, der Gott vertraut. Aber Gott fand keinen Widder für Treblinka.
Abrams Opfer: ein Ganzopfer, holocautema. Aber zweihundert Kinder: ein
Opfergang, holocaust? Dieses Sterben verweigert sich der Deutung. Es ist
kein Opfer, kein Martyrium und keine Tragödie. Es ist kein hitziger
Totschlag und kein kalter Mord; die sind doch immerhin menschlich. Dieses
Sterben ist schoah. Schoah, das Wort, das die Juden dem Unsagbaren vorbehalten
haben: der industrialisierten Auslöschung ihres Volkes durch Deutsche,
mein Volk. Schoah: Auch für Korczak und die Kinder ist Treblinka nur
ein sinnloses Ende.
Geblieben ist: Die
Liebe bis in den Tod, die Würde des letzten Gangs. Unsichtbar erhebt
sich über den Steinen von Treblinka die grüne Fahne: niemand,
der ihr nicht salutiert. In der Kabbala, dem weisen Geheimnis der Juden,
ist das Grün die Farbe des Sieges.
Warschau, Krochmalnastraße,
ein Foto aus den Zwischenkriegsjahren: Eine Straße voller Kinder.
Die Jungen die Hosen bis an die Knie, die Mädchen, endlich!, in kurzen
Kleidern, mit Zöpfen, und mit den Jungen in lebhaftem Getümmel.
Warschau, Krochmalnastraße:
damals Dom Sierot, Waisenhaus; heute ein anderer Straßenname, ein
anderes Schild: Städtisches Kinderheim Nr.2 "Janusz Korczak". Ein
großes schlichtes Haus. Heimat für ein halbes Hundert Kinder.
Eine Welt für sich? Eine große Familie? Ein Kinderland? Heimat?
Ein Kinderhaus, damals wie heute. Was ist geblieben, was ist anders?
Man hat uns, Deutschen,
in dies Haus Zutritt gewährt. Wir sehen Kinder, die spielen und lernen
und essen und träumen, die sich zanken und zärtlich sind, die
scheu sind oder vom ersten Blick an vertraut. Wir sehen ein Haus voller
Leben, Dom Dziecki nr. 2, Warschau, 1987.
Warschau, Zwischenkriegszeit,
Dom Sierot. Wir wissen: Es waren jüdische Kinder, die da spielten
und lernten und aßen und träumten, die sich zankten und zärtlich
waren, die scheu waren oder vom ersten Blick an vertraut. Kinder, die einen
Vater hatten: gütig und streng, ausgelassen und zurückgezogen,
gerecht fast immer und manchmal weise, ein Umstürzler, der ein Kinderreich
proklamiert hatte und es voller Zweifel und Hoffnung regierte. Eine Verfassung
hatte er dem Reich gegeben, ein Parlament, ein Gericht und Gesetze und
Regeln, eine Beschwerdeninstanz, eine Zeitung.
Baute da einer an
einem untauglichen Reich des ewigen Friedens? Ja, nein. Wer so den Kindern
vertraute wie er, wer sie so liebte, wer sie so kannte der durfte wohl
hoffen: In jedem ist ein eigener Funke enthalten, der die Flamme des Glücks
und der Wahrheit entzünden kann und vielleicht in der zehnten Generation
zur feurigen Eruption eines Genies wird, das den eigenen Stamm verzehrt
und der Menschheit dabei das Licht einer neuen Sonne schenkt. Ein Kind
ist ein für die Aussaat vorbereiteter Acker.
Kindergesichter: Jedes
ist eine Landschaft, die erkundet werden will, ein aufgeschlagenes Buch,
in dem der Weise die größten Geheimnisse und Wahrheiten entdecken
wird. Kindergesichter: Jedes ist eine Welt. Diese Mojsches und Joscheks,
die Jascheks und Frankes. Die Wilhelms und Erichs und Johannas und Mirjams.
Und ihr Weinen und ihr Lachen, ihr Staunen und ihr Zorn, ihre Wildheit
beim Spiel und ihre Sanftmut im Schlaf.
Und ihre Fragen:
Im Meer gibt
es Fische, die Menschen verschlucken.
Was fressen
sie, wenn kein Schiff untergeht?
Die Bienen
haben eine Königin, warum haben sie keinen König?
Haben ausgestopfte
Tiere einmal gelebt, und kann man einen Menschen ausstopfen?
Weshalb sind
die Tränen salzig? Muß man wirklich sterben?
Wo bin ich
gewesen, als ich noch nicht auf der Welt war?
Warum sterben
Kinder, und Alte bleiben am Leben?
Warum kann
ein Kanarienvogel nicht in den Himmel kommen?
Kommt die
Milch in der Brust auch von der Kuh?
Was ist ein
Schatten, und warum kann man nicht vor ihm fliehen?
Warum gibt
es Hungrige und Frierende und Arme?
Und warum
kaufen sie sich nichts?
Warum haben
sie kein Geld, warum gibt man ihnen nichts so?
Kann ein Adler
bis in den Himmel fliegen?
War Mose sehr
erschrocken, als er Gott erblickte?
Ist der Donner
ein Wunder?
Die Luft,
ist das Gott?
Warum kann
man die Luft nicht sehen?
Weiß
das kein Mensch auf der ganzen Welt?
Kindergesichter, Kindergesichter
und Fragen, Fragen. Noch glauben sie: Einmal, wenn sie groß sind,
würden sie alles wissen. Aber dann, wenn sie groß sind, wissen
sie nichts. Siebzig Jahre fast liegen zwischen den Fragen und diesen Gesichtern.
Siebzig Jahre, der Tod, schoah konnten sie nicht trennen. Das Leben ist
immer stärker: Die Grüne Fahne.
Janusz Korczak, der
mütterliche Mann. Janusz Korczak, Vater und Mutter zugleich und Kind.
Was wäre er gewesen ohne Pani Stefania! Pani Stefania: zuständig
für die hundert kleinen Wirklichkeiten in Korczaks Traum. Zuständig
für Brot und Milch und Heizung und Licht. Zuständig für
zerrissene Strümpfe, zerschundene Knie und schlechte Zensuren.
Die Tochter aus gutem
Haus: eine Dienerin. Kinderlos geblieben um der Kinder willen, treu ihnen
bis in den Tod. Unter der grünen Fahne auch Pani Stefania. Dreißig
Jahre an der Seite Korczaks im Waisenhaus; liebte sie ihn? Eine Fotografie
zeigt uns eine reife, mütterliche Frau: stark, warmherzig und klug.
Wir wissen so wenig über Pani Stefania...
Wie oft mag sie Korczak
die dickbäuchigen Philanthropen vom Leibe gehalten haben, die er so
haßte, von deren Wohltätigkeit das Waisenhaus aber abhängig
war. Wie oft mag sie die schlimmsten Folgen seiner schrulligen Einfälle
und unvernünftigen Experimente abgewendet haben. Wie oft hat sie ihm
eine Stunde zum Schreiben geschenkt. Einmal in der Woche hatte sie ihren
freien Tag, da besuchte sie ihre Mutter, sonst war sie, Tag für Tag,
Woche für Woche, Jahr für Jahr vierundzwanzig Stunden im Dienst.
Wir wissen so wenig über Pani Stefania. Doch wer über Korczak
spricht, darf Stefania Wilczyńska nicht vergessen.
König Maciuś: Kindlicher
Regent einer Erwachsenenwelt, Erbe eines spröden Reiches, Großer
Reformator in einem unvollkommenen Land. Gut und gläubig, unerfahren
und weise und rein geht er daran, sein Reich zu regieren. Ist umringt vom
Klüngel der Erwachsenen, von allwissenden Hofschranzen, ist umgeben
von gierigen Feinden. Ausgelassen jongliert er mit dem Reichsapfel; kann
ein Kind wissen, welche Folgen sein Spiel haben wird? Die Reformen verkehren
sich in ihr Gegenteil, das Böse gewinnt die Macht. Am Ende ist König
Maciuś auf der Flucht vor dem Reich und auf der Suche nach Verbündeten
und Freunden, ist auf der Suche nach sich selbst. Verworrenes Land der
Kindheit...
König Maciuś:
Das ist der Kind gebliebene Doktor Korczak, der kleine, freundliche, gute
Mann. Der Träumer und Reformator und traurige König, der Einsame
und Zurückgestoßene und hundertmal in seiner Liebe Enttäuschte:
Ich habe gedacht,
die Kinder sind gut, nur eben unglücklich. Doch sie sind böse.
Ich habe die Kinder nicht gekannt, doch jetzt kenne ich sie. Die Kinder
sind schlecht, ungerecht, boshaft, verlogen...
Und ein paulinischer
Lasterkatalog schließt bitter:
Und dabei
haben sie sich Ritter der grünen Fahne genannt.
Romansätze: ist
es überhaupt statthaft, sie dem Schriftsteller in den Mund zu legen?
Trüben sie nicht das schöne Bild vom alten Doktor, der die Kinder
liebte bis in den Tod? Ach, welcher Erzieher hätte diese Enttäuschung,
diese Verzweiflung noch nie gespürt! Es gibt kein Paradies, und Kinder
sind keine Engel. Auch Maciuś mußte das lernen, auch Korczak hat
es gewußt. Überall, wo Kinder spielen und träumen, ist
König Macius' Reich auch heute.
Er hat sein Leben lang
mit Kindern gesprochen, hat sie befragt, hat ihnen geduldig zugehört,
hat ihnen erklärt, hat ihren Kummer und ihre Freude ernst genommen.
Gewissenhaft hat er die Dialoge notiert; in seinen Schriften sind viele
Passagen wiedergegeben. Alle bezeugen die Achtung, mit der er seinen Gesprächspartner,
das Kind, behandelt hat. Von den kleinen und von den großen Dingen
des Lebens ist da die Rede; nichts wurde ausgespart: die Zahnschmerzen
nicht und nicht das Sterben, das Fußballspielen nicht und nicht der
Krieg, die Angst nicht und nicht das Lachen. Er gab keine billigen Ratschläge,
er versuchte geduldig zu erklären; aber so vieles gab es, was auch
er nicht verstand. Die Beobachtung der Kinder, das stete Gespräch
mit ihnen war ihm sein Leben lang Muse und Universität.
Er sprach mit ihnen,
wo er sie traf: auf der Treppe des Waisenhauses oder im Krankenzimmer,
auf der Straße, in den Hinterhöfen, im Sächsischen Garten,
Warschaus schönem Park. Der Raum dieser Gespräche ist bald wiedergefunden,
Requisiten müssen nicht erst beschafft werden: Im Halbdunkel der blauen
Lampe das Kinderbett. Der Atem der Kinder. Lange kämpft eines mit
dem Schluchzen: "Die Zähne tun immer in der Nacht weh..." Die Parkbank
im Sächsischen Garten, Dämmerung: "Mein Herr, der Vater ist gestorben,
die Mutter ist arm, ich habe heute noch nichts gegessen..." Grau die Treppenstufen
im Dom Sierot. Da werden verklungene Worte noch einmal laut.
Das war wohl seine originärste
Schöpfung: Mały Przegląd, die Kleine Rundschau. Seit Oktober 1926
erschien sie als wöchentliche Beilage zur jüdischen Tageszeitung
Nasz Przegląd, dem bedeutenden Blatt der Zwischenkriegszeit, lebhaft und
voller Kultur. Die besten jüdischen Publizisten schrieben für
Nasz Przegląd. Ungewöhnlich auch Mały Przegląd, die Tochter, ein pädagogisches
Experiment. Zum ersten Mal in der Pressegeschichte machten Kinder ihre
Zeitung selbst. Korczak und die Kinder waren die Redakteure, Kinder und
Korczak die Autoren. Mały Przegląd wurde das zweite Zuhause der Kinder,
wie sich der israelische Erzieher Leon Harari, damals einer der Kinderautoren,
erinnert. Kein Problem war zu klein, keine Frage zu unbedeutend, daß
sie nicht Platz gefunden hätten in den Spalten der Kinderzeitung.
Einer der fleißigsten
Beiträger war Korczak selbst; über hundert Artikel hat er geschrieben.
Er versuchte, den Kindern die unvernünftige Welt der Erwachsenen zu
erklären, setzte sich auseinander mit den sozialen Mißständen,
den politischen Dummheiten der Zeit. Während in Polen wie vielerorts
in Europa der Antisemitismus wucherte, schrieb er über den Sinn der
jüdischen Traditionen und Feste. Und viele Kinder erfuhren aus der
Mały Przegląd zum ersten Mal etwas über Erez Jisroel, das gelobte
Land ihrer Väter.
Am 20. September
1939 erschien Nasz Przeglad zum letzten Mal.
Das Kind wird nicht
erst Mensch, es ist Mensch. Und wie jeder Mensch hat das Kind Rechte. Das
ist Korczaks pädagogisches Credo, das ist auch die Ultima ratio seines
erzieherischen Handelns. Seine Magna Charta Libertatis für das Kind,
formuliert als polemischer Einwand gegen fragwürdige Erziehungshaltungen
und unwürdige Verhältnisse, immer wieder neu durchdacht und erprobt,
immer wieder erweitert, deklariert:
Das Recht
des Kindes auf seinen Tod.
Das Recht
des Kindes auf den heutigen Tag.
Das Recht
des Kindes, so zu sein, wie es ist.
Das Recht
des Kindes zu sein, was es ist.
Das Recht
des Kindes, seine Gedanken auszusprechen
und aktiven
Anteil an Überlegungen und Urteilen über seine Person zu nehmen.
Das Recht
des Kindes auf Achtung.
Das Kind lebt nicht
für ein fernes nebulöses Morgen; "sein Name ist Heute" (Gabriele
Mistral). Korczak hat das gewußt. Er hat die Menschenkinderrechte
nicht aufgeschrieben, damit sie irgendwann einmal irgendwo von irgendwem
verwirklicht würden; er hat sie in seinem Heute mit den Kindern gelebt
und mit seinem Tod besiegelt.
Ein Seminar für
künftige Erzieher, wird erzählt, habe Korczak im Röntgenraum
begonnen: Auf dem hellen Bildschirm ein Kinderherz. Unruhig pulsiert es,
schlägt heftig, klopft voller Angst. Und ist so verletzlich...
Seht es euch
an und haltet es euch immer vor Augen. Immer, wenn ihr erschöpft und
erzürnt seid, wenn die Kinder unausstehlich sind euch aus der Ruhe
bringen, wenn ihr aufgebracht seid und brüllt, wenn ihr im Zorn strafen
wollt - haltet euch vor Augen, daß dann das Herz eines Kindes so
aussieht und so reagiert.
Wird das Recht des Kindes
in unserer Welt nicht noch immer mit Füßen getreten?
In Warschau: der gute
Ort. Über all dieser Trauer kein Himmel. Im Dunst verfallen Steine.
Kein Kaddisch, ein Schweigen. Ein guter Ort? Hierher kamen sie nicht, die
Zweihundert, Hand in Hand. Ihr Sterben verweigert sich der Trauer. Es war
kein Opfer, kein Martyrium und keine Tragödie. Es war kein hitziger
Totschlag und kein kalter Mord; die sind doch immerhin menschlich.
Das Ende: bezeugt
und beschrieben und dennoch schon Mythos. Im Licht vor den Bäumen
ein Denkmal: Korczak und die Kinder. Er trägt ein Kind auf dem Arm,
hält eines an der Hand, die anderen folgen. Doch keines trägt
die grüne Fahne:
Ich werde
die Wahrheit nicht finden, nicht wissen, wie es war, selbst wenn ich sie
suche. Ich suche die verlorene Wahrheit; ich werde sie nicht finden, sondern
eine andere, die ich nicht suchte, und sie verlangt viel von dir, damit
du das Leben eines wissenden und sehenden Menschen leben und Zeiten und
Dinge verstehen kannst. Ich weiß nicht, und ich kann auch nicht sagen:
Diese eine Wahrheit ist auch für mich und auch für dich. Nein,
sie ist nur meine Wahrheit, denn so wollte ich es wissen. Und gehe du und
suche deine Wahrheit.
© Konrad
Weiß 1988-2013