Deutschlandfunk, Die Sonntagskolumne, 03.03.2002

Die palästinensische Tragödie

von Konrad Weiß

Vor einigen Jahren, noch zu Zeiten der ersten Intifada, besuchte ich Hebron, die Stadt Abrahams, Isaaks und Jakobs. Ein Ort, der Juden, Christen und Moslems gleicherweise heilig ist. Unsere israelischen Gastgeber hatten dringend davon abgeraten, uns ohne Begleitung in die Stadt zu wagen, die vor allem von Palästinensern bewohnt wird und schon damals unruhig war. Nachdem ich die Patriarchengräber besucht hatte, kam ich mit jungen Palästinensern ins Gespräch, die mich zu sich einluden. So recht geheuer war es mir nicht, als ich ihnen durch die verwinkelten Gassen folgte. Endlich gelangten wir in eine kleine Werkstatt, wo einige junge Männer damit beschäftigt waren, billige Souvenirs anzufertigen.

Es ging ihnen nicht darum, etwas zu verkaufen, wie ich zunächst vermutet hatte. Sie suchten das Gespräch. Es waren junge Leute, die das Abitur gemacht hatten oder eine Oberschule besuchten, und die ein gutes Englisch sprachen. Als sie erfuhren, daß ich Deutscher bin, waren sie begeistert. Und ich war von ihrer Reaktion schockiert. Sie nannten Hitler ihr Vorbild und waren überzeugt: Auschwitz habe es nie gegeben, der Holocaust sei zionistische Propaganda. Sie deuteten an, daß sie der Hamas nahestünden, und daß ein jeder von ihnen bereit sei, sein Leben im Heiligen Krieg gegen die Juden zu opfern. Allah würde ihren Opfertod wunderbar belohnen.

Ich muß seither oft an diese Begegnung denken. Bei jeder Meldung über ein Selbstmord-Attentat frage ich mich, ob wohl einer der freundlichen jungen Männern aus jener Werkstatt der Täter war. Der politische und religiöse Fanatismus, den ich dort erlebt hatte, hat mir drastisch vor Augen geführt, daß es für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern kaum eine Lösung gibt. Jedenfalls nicht, solange junge Menschen dazu erzogen werden, ihr Lebensziel im Sterben zu sehen. Und solange der Haß gegen die Juden all ihr Denken und Handeln bestimmt.


Gebetszettel in den Spalten der Klagemauer, Foto © Konrad Weiß     Chederschüler an der Klagemauer, Foto © Konrad Weiß

Das ist die eigentliche palästinensische Tragödie: daß dieses Volk von politischen und religiösen Führern so mißbraucht wird. Selbst Arafat, der vielen im Westen als friedenswillig gilt, feiert vor den eigenen Leuten die Selbstmordattentäter. Ein Opfer im Kampf um Jerusalem entspreche siebzig anderen Opfern, sagte er unlängst vor Landsleuten. Mit Allahs Hilfe werde Jerusalem die Hauptstadt des palästinensischen Staates sein. Wem das nicht gefällt, so Arafat weiter, soll das Wasser des Toten Meeres trinken. "Wir marschieren nach Jerusalem, unter Millionen Opfern." - Die jungen Männer und Frauen, die sich dafür in den Tod bomben und dabei Unschuldige töten oder verstümmeln, werden vom Volk als Helden gefeiert, als Märtyrer verehrt. Die Anführer der Hamas hingegen preisen kühl die strategische Überlegenheit ihrer "lebendigen Bomben".

Ende Februar sprengte sich eine 21jährige Studentin in die Luft und verwundete dabei drei israelische Soldaten. Die Schwester der Attentäterin berichtete, diese habe viel von den Anschlägen auf die Diskothek Dolphinarium und auf die Pizzeria Sbarro gesprochen. Und sie bedauerte: "Schade, daß sie es nicht geschafft hat, genauso viele Menschen umzubringen." Bei den beiden Selbstmordattentaten waren im vergangenen Jahr 36 meist jugendliche Israelis getötet und hunderte verletzt worden. Insgesamt starben im Jahr 2001 über 200 Menschen bei solchen Anschlägen, mehr als 1.500 wurden verletzt.

Die Terrorwelle der Al Aksa Intifada, auch daran muß man erinnern, wurde durch den Besuch Sharons auf dem Tempelberg ausgelöst. Das war, so scheint es im Nachhinein, ein willkommener Vorwand, die Verhandlungen von Taba abzubrechen. Dort war vor gut einem Jahr ein Abkommen zwischen Israelis und Palästinensern zum Greifen nahegerückt. Wie kein Politiker zuvor, war Ehud Barak den Palästinensern entgegengekommen; für die Westbank und selbst für Jerusalem zeichnete sich damals eine Lösung ab. Ging das den Hardlinern auf beiden Seiten zu weit?

Der saudische Friedensplan bleibt hinter dem, was in Taba bereits erreicht worden war, weit zurück. Zu direkten Gesprächen zwischen Israelis und Saudis wird es kaum kommen. Denn als Vorbedingung dafür wurde in Riad die Einigung zwischen Palästinensern und Israelis genannt. Doch immer weniger Israelis trauen den Arabern Friedenswillen und Handlungsfähigkeit zu. Die israelische Bedingung, Arafat müsse den Terror unterbinden, bevor man ihn wieder als Verhandlungspartner akzeptiert, ist allzu verständlich. Der Terror hat das aufkeimende Vertrauen nachhaltig zerstört, auch bei jenen Israelis, die nichts als Frieden wollen. Jedes weitere Selbstmord-Attentat mindert die Bereitschaft zum Gespräch. Ohne Vertrauen aber kann es keinen Frieden geben.

© Konrad Weiß 2002-2018