Dankrede

am 16. März 2011 in der Polnischen Botschaft in Berlin
aus Anlaß der Verleihung des Kavalierkreuzes des Verdienstordens der Republik Polen

von Konrad Weiß

Die meisten meiner Vorfahren haben in Gegenden gelebt, die heute zu Polen gehören: In Niederschlesien, im Glatzer Bergland, am Fuße des Riesengebirges, in der Gegend von Glogau. Wenn man älter wird, beginnt man sich für seine Herkunft zu interessieren. Bei mir fing das so Ende der siebziger Jahre an. Damals war es in der DDR fast unmöglich, etwas über die ehemals deutschen Gebiete zu erfahren. Meine Voreltern hatten zumeist in unbedeutenden Dörfern und Städtchen gelebt, die ich auf den polnischen Landkarten nicht ausmachen konnte. Literatur über Schlesien gab es kaum. Also legte ich mir eine Kladde an, in die ich jeden identifizierten Ort eintrug. Erst viele Jahre später gelang es mir, die meisten Orte ausfindig zu machen. Und vor vier Jahren bin ich mit meiner Frau dann auf eine "Ahnentour" gegangen, und wir haben einige dieser Orte besucht.

In meiner Geburtsstadt Lauban bin ich früher und öfter gewesen. Das erstemal 1965 bei der Pilgerfahrt mit der Aktion Sühnezeichen. Die Stadt war in letzten Monaten des Krieges schwer zerstört worden; ich habe sie damals, zwanzig Jahre nach dem Krieg, als grau und fremd empfunden. Es war jedenfalls nicht der Ort, der für meine Mutter noch die Heimat gewesen war, deren Verlust sie bis zuletzt geschmerzt hat. Damals wußte ich noch nicht, daß viele der polnischen Neubürger ihrerseits Vertriebene waren, die ihre Heimat verloren hatten, und die dann lange mit der Angst gelebt haben, daß ihnen die neue Heimat wieder genommen werden könnte.

Später, Anfang der achtziger Jahre, bin ich noch einmal mit meiner jüngsten Tochter in Lubań gewesen. Und dann erst wieder nach der Wiedervereinigung zusammen mit meinem Bruder, der sehr viel älter war als ich, und der mir die Straße gezeigt hat, wo unser Haus stand, die Kirche, in der ich getauft wurde, das Rathaus, wo mein Vater gearbeitet hat. Erst dadurch ist mir die Stadt näher gekommen. Ja, und dann kam ich vor vier Jahren auf unserer "Ahnentour" in eine Stadt, die sich völlig verändert hatte. Die neuen Laubaner haben aus eigenen Mitteln das historische Stadtzentrum wiederaufgebaut. Und haben dabei auch die alte kursächsische Postmeilensäule aufgestellt, in der auf deutsch die Entfernungen nach Breslau und Hirschberg und Görlitz angegeben sind.


Markt mit Rathaus und Krämerturm in Lubań © Zoonar.com/Konrad Weiß

Die schönste Begegnung mit dem neuen Lauban aber hatte ich vor ein paar Jahren, als Gymnasiasten aus Wittichenau und Lubań mich für einen Film über Günter Särchen interviewten, den sie gemeinsam gedreht haben. Und die sich ganz selbstverständlich auch für die deutsche Vergangenheit ihrer Heimatstadt interessierten.

Und das unterscheidet sich wirklich von dem, was ich bei meinen ersten Besuchen in Polen erlebt habe. Damals, zwanzig, dreißig Jahre nach dem Krieg, war das, was Deutsche den Polen angetan hatten, noch so lebendig. Ich werde nie die Scham und die Trauer vergessen, die mich 1965 bei der Sühnezeichen-Arbeit in Auschwitz-Birkenau erfüllt hat. Ich habe oft darüber gesprochen. Damals habe ich begriffen, wirklich ganz elementar begriffen, das alles, was Deutsche durch den Krieg und nach dem Krieg erlitten haben, von Deutschen ausgegangen ist. Daß alles, auch der Verlust der Heimat, die Konsequenz deutscher Verbrechen, deutschen Unrechts, deutscher Unmenschlichkeit gewesen ist.

Bald nach unserer Pilgerfahrt wurde von den polnischen katholischen Bischöfen jener Satz gesprochen, der die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen wirklich eingeleitet hat, und der das ausdrückt, was Versöhnung im Kern ist: Wir vergeben und bitten um Vergebung. Ich finde es großartig, daß dieser Satz heute in Wroclaw in bronzenen Lettern zu lesen ist, auf polnisch und auf deutsch. Das erste Signet der Aktion Sühnezeichen war das "Sühnemännchen", eine Figur, die sich demütig beugt und die Arme bittend ausstreckt. Für Lothar Kreyssig, den Gründer der Aktion Sühnezeichen, und uns, die ihm damals gefolgt sind, war diese Bitte unlösbar verbunden mit der Bitte aus dem 2. Korintherbrief Laßt euch versöhnen mit Gott. Daß uns, Deutschen und Polen, Versöhnung geschenkt worden ist, ist wirklich Gnade. Versöhnung, das weiß ich heute, kann man weder einfordern noch erarbeiten, allenfalls erbitten. Sie ist immer ein Geschenk.


Denkmal für Bischof Kominek in Wrocław © Konrad Weiß
Leise gegen den Strom
Ein Film von Thomas Kycia und Robert Żurek

Ich bin dankbar, daß ich Menschen wie Lothar Kreyssig und Günter Särchen begegnen durfte, die Wegbereiter der Aussöhnung gewesen sind und die mich geprägt haben. Ich bin dankbar, daß meine Frau Gabriele, die ich bei der Aktion Sühnezeichen kennengelernt habe und die 1965 bei der Pilgerfahrt der Frauen nach Majdanek dabei war, mich bei allem ermutigt und begleitet hat. Und ich bin dankbar für die vielen unvergeßlichen Begegnungen mit Polen, die mir, dem (damals) jungen Deutschen offen, freundlich, ja freundschaftlich begegnet sind und von denen ich so viel gelernt habe.

Ich denke an Professor Stanisław Stomma, der uns jungen Deutschen 1965 nach unserer Arbeit in Auschwitz, im geschichtsträchtigen Restaurant Wierzynek in Krakau, einen leidenschaftlichen Vortrag über polnische Geschichte und Teilungsgeschichte gehalten hat. Ich denke an Anna Morawska, die uns damals in ihrem Essay Die Psychologie des Friedens mit auf den Weg gegeben hat, was wir als Deutsche zu tun haben, nämlich auszubrechen "aus dem Zirkel des mißverstandenen Strebens nach Selbsterhaltung, dem ständigen und unberechenbaren Pendeln zwischen Passivität und Aggression". Ich denke an die an die Freunde in den Klubs der katholischen Intelligenz und die Redakteure von ZNAK und Tygodnik Powszechny - Tadeusz Mazowiecki, Jerzy Turowicz, Mieczysław Pszon, Jacek Susuł, Józefa Hennelowa -, die mir bei jedem Gespräch geholfen haben, die eigene Geschichte und Gegenwart besser zu verstehen. Ich denke an die junge Frau in Krakau, deren Namen ich nicht einmal weiß, die nach dem Tanzen auf der Rückseite einer Zigarettenschachtel einen Schornstein gezeichnet hat, und darüber auf deutsch die Worte Vater und Mutter. Ich denke an Professor Jerzy Hofmann vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau, der uns für den Film Dawids Tagebuch ungehinderten Zugang zu den kostbaren Archivalien seines Archivs gewährt hat, darunter zu tausenden Pässen von Menschen, die von Deutschen ermordet worden waren. Ich denke an Leon Harari aus Male Hachamisha in Jerusalem, ein Schüler Janusz Korczaks, der mich in Warschau mit zu den Gassen und Winkeln genommen hat, in denen er als Kind gespielt hat, bevor er vor den Deutschen fliehen mußte. Ich müßte noch viele Namen nennen. Allen danke ich für das, was sie mir, dem Deutschen, an Einsichten, Anstößen, Fragen mit auf den Weg gegeben haben.

Es ist ein langer, ein manchmal mühevoller, aber doch ein guter Weg gewesen, den Deutsche und Polen in den letzten Jahrzehnten gemeinsam gegangen sind. Und der uns zu einer neuen Gemeinsamkeit geführt hat. Viele Deutsche, die wie ich aus den ehemals deutschen Gebieten stammen, die Flüchtlinge oder Vertriebene waren, haben sich dabei aktiv und auf vielfältige Weise eingebracht. Uns ist, trotz der Verbrechen unserer Väter, Versöhnung geschenkt worden.

Es macht mich zornig und traurig, wenn das Erreichte von einer kleinen Gruppe engstirniger Vertriebenenfunktionäre immer wieder in Frage gestellt und gefährdet wird. Wie kann man sich, nach sechzig Jahren getrennter und gemeinsamer Geschichte, nach deutscher und europäischer Teilung, nach Solidarność und Friedlicher Revolution, nach deutscher Wiedervereinigung und Einheit in der Europäischen Union auf eine Charta aus dem Jahr 1950 berufen, die den notwendigen ersten Schritt zur Versöhnung, das Bekennen der eigenen Schuld, verweigert. Längst hätte aus dem Bund der Vertriebenen ein Bund der Versöhnung werden sollen. Wer auch nach Jahrzehnten noch den Hausschlüssel zu einer Wohnung in der Tasche trägt, die er längst verlassen hat, für den öffnen sich neue Türen kaum.

Ich bin von Herzen dankbar, sehr geehrter Herr Botschafter, für die hohe Auszeichnung, die mir der polnische Präsident verliehen hat. Ich bin bewegt über die Worte, mit der Sie und Robert Żurek meine Bemühungen um die Aussöhnung von Deutschen und Polen gewürdigt haben. Ich danke Ihnen.

Text und Foto © Konrad Weiß 2011-2018